Schreiben und Kinder

Schreiben und Kinder sind unvereinbar“, schreibt die Schriftstellerin Julia Franck in dieser Woche in der Welt.

Stephenie Meyer hat, wenn man ihrem Blog glauben darf, ihre weltweit erfolgreiche Biss- Reihe im Kreis ihrer Familie geschrieben. In der Küche, zum Teil mit einer Hand mit dem Baby auf dem Arm. Ich stelle mir das gerade vor: Mit der linken Hand rührt sie im Kochtopf, mit der Rechten tippt sie gleichzeitig Bellas tiefe Verzweiflung als Edward sie verlassen hat in den Laptop. Und dabei lächelt sie entspannt und glücklich ihr Kind an.

Ich kann das nicht. Wenn ich mich gerade in die Ängste und Unsicherheiten meiner Romanfiguren hineingewühlt habe, um das Entsetzen glaubhaft schildern zu könne, das jemanden befällt, wenn vor dessen Augen jemand stirbt – nun – dann reißt mich das schon ziemlich raus, wenn ich mich über die gelungene Klassenarbeit in Biologie freuen soll. Das Ergebnis sind eine kaputte Szene, ein ettäuschtes Kind und eine frustrierte Frau, die weder gute Mutter noch gute Autorin ist.

Ich bin keine gute Mutter, wenn ich mit den Worten „Nicht ansprechen! Nicht ansprechen!“ hektisch an den Computer sprinte, weil da eine der hochgradig flüchtigen Iden in meinem Kopf wächst, die bei der Frage nach dem Mittagessen zerplatzen würde wie eine Seifenblase. Stattdessen sollte ich zuhören. Eigentlich.

Ich bin keine gute Autorin, weil ich mich von allem um mich herum ablenken lasse und nach dem dritten Mal in einer halben Stunde, in der sich meine Zimmertür öffnet, (Weißt du wo meine Jacke/die Hundeleine/ meine Mathearbeit/ ist?) einfach aufgebe. Weil ich Arzttermine und Friseurtermine und überhaupt alle Termine auf den Vormittag lege um am Nachmittag da zu sein, wenn meine Kinder da sind. Denn diese Vormittage sind meine Schreibzeit, die ich als Autorin mit Klauen und Zähne verteidigen sollte. Eigentlich.

Doch schreibende Mutter kann ich nicht sein. Ich bin entweder Mutter oder Autorin. Die Mutation von der Mutter zur Autorin erfolgt Vormittags wenn das Haus still wird. Dann, wenn die Muttergedanken sich langsam verflüchtigen und man in der Geschichte versinkt, die Satz für Satz auf dem Bildschirm entsteht. Und die Autorin schrumpft in sich zusammen wie ein kaputter Luftballon, wenn das Haus wieder voll wird und die lärmenden Stimmen die Stille aus dem Fenster jagen.

Nein. Schreiben mit Kindern geht nicht.

Nur: Schreiben so ganz ohne Kinder kann ich auch nicht. Denn, um etwas beschreiben zu können, muss man leben. Und meine Kinder tragen mir so viel Erlebnisse und Begebenheiten aus ihrem Leben zu, dass es ist, als würde ich zwei bis drei Leben leben, mindestens. Sie teilen mit mir Erfahrungen, die ich niemals machen würde. Sie machen nicht nur das Leben, sondern auch die Fantasie reicher. Was sollte ich denn erzählen ohne sie?

Also werde ich wohl damit leben müssen, weder eine richtig gute Mutter noch eine richtig gute Autorin zu sein, weil ich beidem nicht gerecht werde. Doch ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich auf keine meiner zwei manchmal so schwer zu vereinbarenden Lebenswelten verzichten möchte.
Und dank der Worte von Julia Franck weiß ich jetzt, dass es nicht nur mir alleine so geht.
Wie beruhigend.

 

Ein Gedanke zu „Schreiben und Kinder“

  1. Sehr schön beschrieben.
    Und besonders die letzte Erkenntniss finde ich so richtig und wichtig: Bei allen Schwierigkeiten, die wohl durch ein buntes, schreibendes, kinderreiches Leben auftreten mögen; an diesem Leben teilzuhaben haucht auch erst der Schreiberei Leben ein!

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