NachtkrähenEBook klein

Leseprobe Nachtkrähen

Kleine Krähe. Richtig.Prolog

Sein ganzes Leben und vielleicht darüber hinaus würde Nicolas sich an die Nacht erinnern, in der sich alles änderte. Er musste nur daran denken, dann fühlte er noch einmal das unbändige Glücksgefühl, das ihn zu Beginn jener verhängnisvollen Nacht begleitet hatte.
Nicolas flog. An jenem Abend hätte er jubeln können vor Freude. Er konnte fliegen. Es war wirklich geschehen. Vor ein paar Tagen erst hatte er herausgefunden, dass er sich bei Dunkelwerden in eine Krähe verwandelte. Natürlich durfte es niemand erfahren. Seine Eltern würden sich vermutlich zu Tode erschrecken, wenn sie wüssten, was mit ihm los war. Und seine Brüder wären so was von neidisch! Doch ihm war das egal.
Letzten Monat noch war er nichts weiter als ein pickeliger sechzehnjähriger Schüler gewesen mit mittelmäßigen Noten. Und jetzt konnte er fliegen. Beim Hereinbrechen der Nacht hatte er sich, statt schlafen zu gehen, wieder heimlich aus dem Fenster seines Zimmers gestohlen und jetzt segelte er auf seinen schwarzen Flügeln durch die Dunkelheit. Nicolas genoss jeden Flügelschlag, liebte jeden Windstoß, der an seinen kräftigen Schwungfedern zupfte. Fliegen war so wunderbar. Am tollsten aber war, dass er überall hinfliegen konnte, wohin er wollte. In seiner Krähengestalt war er nahezu unsichtbar. Gestern war er zum Open- Air-Konzert auf dem Tempelhofer Flugfeld geflogen, für das er sich die Karten nie im Leben leisten konnte. Er war einfach über die Eingangskontrollen hinweggeflogen, war in den Verstrebungen der Bühnenkonstruktion gelandet und hatte zugesehen. Er liebte sein neues Krähenleben.
Und heute? Er war frei, er konnte fliegen! Na gut, etwas wackelig und ungeschickt war er noch, aber wer sollte ihn aufhalten? Was also sollte es sein? Weiter in die Stadt hinein? Oder einfach dem beliebtesten Mädchen auf seiner Schule ins Fenster gucken?
Warum nicht? Unter sich sah er einen Mann mit Glatzkopf die Straße hinuntergehen. Übermütig landete Nicolas, hob mit dem Schnabel einen herumliegenden Bierverschluss vom Straßenrand auf, und ließ ihn anschließend von oben direkt auf den kahlen Kopf des Mannes fallen. Er lachte sein keckerndes Krähenlachen. Was hatte der sich erschreckt!
Nicolas machte kurz Pause, mitten auf der Kreuzung hoch oben auf einer Verkehrsampel, um sich zu orientieren. Bergmannstraße. Nur noch ein paar Straßen weiter. Sie hatte ihn auf einer Party abblitzen lassen, weil sie meinte, er sei zu jung. Dabei war er fast sechzehn. Gleich würde er wissen wie sie wohnte, und mit etwas Glück würde er einen Blick auf sie in knappem Schlafzeug erwischen. Bestimmt würde er das, er hatte doch immer Glück.
Und dann kam der Hubschrauber. Aus dem Nichts war er plötzlich da. Hing vor Nicolas im Himmel, als hätte er ihn gesucht. Sah so normal aus und war doch alles andere als harmlos. Denn neben dem Pilot saß jemand, der mit einer Schrotflinte bewaffnet war.
Eisiger Schreck ergriff Nicolas, als er sah, dass man tatsächlich auf ihn zielte. Im nächsten Moment hob er die Flügel, ließ sich heruntersacken und begann die Flucht. Hastig und ungeschickt und kein bisschen mehr glücklich. Warum nur war er nicht zu Hause geblieben?
Fast hätte Nicolas die anderen zwei Krähen übersehen, die mit raschen, stetigen Flügelschlägen auf ihn zuflogen. „Hierher, Nicolas!“ rief eine der Krähen. Rief? Vor Schreck über die sprechende Krähe wäre Nicolas fast aus dem Himmel gestürzt.
„Was treibst du dich hier draußen rum?“, rief die andere Krähe. Die Stimmen waren krächzig, aber bekannt. „Weg da, Junge!“ Nicolas versuchte einen geschickten Schlenker, der etwas enger ausfiel als geplant. Da fiel der erste Schuss, dorthin, wo er eben noch gewesen war. Keine Zeit zum Überlegen.
„Hierher, schnell!“ Sein Vater war das.
„Du bist auch eine Krähe? Und wer sind die im Hubschrauber?“
„Hinter das Haus!“ Das war der Onkel. Vaters Bruder.
„Ist das mit dem Verwandeln ein Familiending?“
Sie hätten es fast geschafft. Aber der nächste Schuss holte den Onkel vom Himmel. „Sieh nicht hin. Flieg, Nicolas!“, rief der Vater.
Er sah nicht hin. Er hörte nur den dumpfen Aufprall. Dann sah er, wie der Hubschrauber mit blutverschmierter Scheibe abdrehte. Daraufhin drehte er sich doch um und sah gerade noch, wie der Vater, in Menschengestalt, auf dem Boden aufschlug.
Nicolas landete sofort und verwandelte sich. Der Onkel war wieder Mensch und ansprechbar. Doch er blutete so heftig. Unaufhaltsam, überall gleichzeitig, so schien es, sickerte das Blut aus ihm heraus. Nicolas riss sich sein Shirt vom Leib und drückte es seinem Onkel auf den Brustkorb. Mit der anderen Hand hielt er sein Handy, rief den Notruf. Polizei. Notarzt. Alles.
„Pass auf die anderen auf, versprich es mir“, flüsterte der Onkel. „Und halt dich von den Krähenjägern fern.“
An diesem Tag änderte sich alles. Genauso wenig wie das letzte unbeschwerte Glücksgefühl, das er zu Beginn der Nacht gespürt hatte, könnte er jemals den Geschmack des Schmerzes vergessen, der, weggelacht und überspielt, trotzdem seither stets sein heimlicher, stiller Begleiter war. Das und der Hass, die Wut und die Angst auf die Leute, die sein Onkel Krähenjäger genannt hatte.

Kleine Krähe. Richtig.Kapitel 1 – Hanna

So spät war es noch gar nicht. Die Lichter der vorbeifahrenden Autos, die Schaufensterbeleuchtungen und Straßenlaternen bauten einen Tunnel aus Helligkeit über dem Mehringdamm, der das Spätoktoberdunkel draußen hielt. Unsere Schritte klackerten lauter auf den Betonplatten des Bürgersteigs, als wir in die dunklere und weniger befahrene Seitenstraße einbogen. Eine Abkürzung, hatte Ivo gesagt. Ich zog den roten Mantel meines Rotkäppchenkostüms enger um meine Schultern und lauschte. Keine Schritte außer Ivos und meinen. Doch ich spürte, irgendwo hinter mir in der Dunkelheit war jemand und beobachtete mich. Nicht hinter den Fenstern. Näher.
„Was ist denn jetzt wieder, Hanna?“, fragte Ivo. Er musste mich dafür nicht mal ansehen. Hörte er an meinen Schritten, dass etwas nicht stimmte? Bewegte ich mich anders?
„Ich habe das Gefühl, da hinter uns ist etwas.“
„Ja.“ Er lächelte und blickte über die Schulter. „Da kommt ein Auto. Roter Kombi. Ganz normal, entspann dich. Kein Drache, Hanna. Und auch kein böser Wolf.“ Er legte die Hand auf meinen Arm „Hast du dein Spray dabei?“
„Nein, Ivo, das ist es nicht. Ich habe kein Asthma mehr.“
„Ich hoffe, du hast recht.“
„Den letzten Anfall hatte ich letztes Jahr, mit sechzehn.“
„Deine Atemnot war wirklich kein Spaß.“
„So schlimm war es nun auch nicht.“ Ich musste das wissen, ich war schließlich die, die das Belastungsasthma gehabt hatte.
Ivo war als der Jäger verkleidet. Rotkäppchens furchtloser Retter mit dem Schießgewehr aus dem Spielzeugladen. Und weil Halloween war, die gruselige Nacht der Geister, machte er sich erst recht über mich und meine Angst im Dunkeln lustig. Wenigstens konnte er jetzt darüber lachen. Früher hatte er, wenn wir gemeinsam im Dunkeln unterwegs waren, jedes Mal gefürchtet, ich würde einen Anfall bekommen, wenn ich so zusammenschreckte. Ich war inzwischen gesund. Doch unsicher fühlte ich mich immer noch, wenn um mich herum alles voller Schatten war und ich nicht wissen konnte, was sich dort verbarg. Das rote Auto fuhr an uns vorbei. Doch die Blicke waren immer noch da. Ich fühlte sie. „Im Ernst, Ivo. Jemand beobachtet uns.“
„Da ist aber niemand. Nur fiese dunkle Schatten.“
Ich blieb stehen und sah mich um. Da war wirklich niemand.
„Siehst du?“, sagte Ivo.
Die Straße war menschenleer. Das Gefühl blieb. Noch einmal suchte ich die Gehwege mit den Augen ab. Die Mülltonne, den Straßenbaum und den leeren angerosteten Fahrradständer vor dem kleinen Geschäft. Erst als ich nach oben blickte, sah ich ihn. Den schwarzen Vogel, der auf der Straßenlaterne hockte und mich von oben mit schwarzen Augen ansah. „Dann ist es eben kein Mensch, der uns beobachtet. Da ist eine Krähe! Siehst du, die guckt zu uns rüber. Irgendwas ist komisch an der.“
„Du fühlst dich von einer Krähe beobachtet?“ Ivo lachte.
„Ja. Irgendwie schon“. Er lachte ja zu Recht. Jetzt wo ich es aussprach, merkte ich selbst, wie verrückt sich das anhörte.
„Nein, nein, ist schon in Ordnung. Bestimmt ist das eine Nachtkrähe.“
„Was soll das sein?“
Er senkte seine Stimme, um geheimnisvoll zu klingen. „Weißt du das nicht? Da gibt es diese Sage. Kinder, die nachts nicht schlafen, holt die Nachtkrähe. Sei lieber vorsichtig, Hanna.“
„Hör auf, Ivo!“ Ich nahm seine Hand und ging weiter. Weg von diesem merkwürdigen Vogel. Wieso saß der überhaupt da, jetzt? Gingen nicht alle Vögel bis auf Eulen bei Dämmerung schlafen?
Ivo legte den Arm um mich, zog mich an sich und küsste mich auf meine kalte Nasenspitze. „Keine Angst, du weißt doch. Ich bin dein Held und beschütze dich, vor was auch immer es ist.“
Ich packte meinen Rotkäppchenkorb fester. Er war ganz schön schwer mit der obligatorischen Weinflasche drin. Ob man den im Notfall als Waffe benutzen könnte? Ausholen, herumschwingen und einem Angreifer damit zu Boden schlagen? Wahrscheinlich wäre das nicht sehr nett, doch Ivos Jagdflinte, die er über der Schulter trug, war schließlich nur ein Spielzeug aus Plastik. Mir war diese Krähe nicht geheuer. Noch nie hatte ich die Blicke eines Tieres gespürt. „Vor Sagengestalten kannst du mich nicht beschützen, Ivo“, versuchte ich zu scherzen.
„Ich wette, hier in Berlin gilt die Sage sowieso nicht, hier gibt es nur ganz normale Krähen. Ich wollte dich nur ein bisschen ärgern. Lass mir doch meinen Spaß. Heute ist Halloween, Geistergeschichtenzeit. Heute sollst du dich gruseln. Tu mir den Gefallen, ja?“
Ich tat ihm den Gefallen, ganz ohne Absicht. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich versuchte, die Krähe zu vergessen, doch es gelang mir nicht. Als ich mich an der nächsten Straßenecke umsah, saß sie immer noch da und sah mich an.
Und dann kam uns eine lärmende Schar verkleideter Kinder entgegen, die stolz ihre Sammeltüten mit Süßigkeiten schwenkten. „Süßes oder es gibt Saures!“, brüllten sie, einfach aus Spaß, weil es von den stuckverzierten Hauswänden so schön widerhallte.
„Sollten die nicht längst im Bett sein?“, fragte Ivo. Doch sie dachten nicht mal dran. Sie rannten, hopsten und dann, wie ein Schwarm Vögel, stoppten sie abrupt am nächsten Hauseingang, dort, wo ein verzierter Kürbis als Zeichen stand. Eine winzige Hexe drückte mit ihrem Zauberstab auf alle Klingelknöpfe nacheinander. Wir wechselten die Straßenseite, da unser Bürgersteig ja von lauter Monstern, Piraten und Prinzessinnen vollständig blockiert wurde. Aufgeregt hüpften sie auf und ab, warteten ungeduldig, dass sich die Haustür öffnete. Oder wollten sie sich nur warm halten in ihren dünnen Kostümen? Mir jedenfalls kroch die Kälte unter dem roten Umhang in den Nacken, versuchte, mein Dirndlkleid zu durchdringen, biss in die Wangen und fror mir die Hände ein.
„Kalt?“, fragte Ivo.
Ich nickte.
„Ist ja nicht mehr weit“, sagte Ivo und nahm mir den Korb ab, damit ich meine Arme reiben und die kalten Finger anhauchen konnte. Wenigstens hatte der Wetterbericht keinen Regen vorausgesagt. „Guck, da vorne wohnt Patrick.“
Ivo drückte auf den Summer, wir wurden eingelassen und stiegen die Treppe hinauf. Patrick lockte jedes Jahr seine Eltern mit Karten für die Schaubühne, Ku’damm-Theater, Opernkarten oder was ihm sonst noch so einfiel, aus der Wohnung. Er beschwatzte die Nachbarn, bei Ruhestörung nicht gleich die Polizei zu rufen, und veranstaltete seine berüchtigten Halloweenpartys. Auch dieses Jahr hatte er sich wieder mächtig ins Zeug gelegt. Schon das Treppenhaus auf dem Weg nach nach oben war dekoriert. An den Wänden rechts und links hingen ausgeschnittene Kürbisse aus orangefarbenem Karton, Plastikfledermäuse und dazwischen aus Glanzfolie die Silhouetten von schwarzen Raben.
Als wir an der Wohnungstür klingelten, öffnete ein Gespenst. Vor mir sah ich nichts als weiße Tücher, die eine hochgewachsene Gestalt umschwebten. Ich stand auf der Fußmatte, hielt Ivos Hand, hatte immer noch eine Gänsehaut und zitterte.
„Huh!“, machte das Gespenst. Aus den Tüchern hervor schoben sich theatralisch langsam Finger, die das oberste und dünnste der Tücher vom Kopf der Gestalt zogen. Musste Patrick es immer so spannend machen? Jedes Mal zog er so eine Show ab! Ich bibberte in meinem dünnen Kostüm und drängte mich näher an Ivo. Mein Rotkäppchenumhang war eher für eine Sommerparty geeignet als für Novemberwetter.
„Happy Halloween, Hanna!“, strahlte Patrick, breitete die Arme aus und drückte erst mich, dann Ivo an sich. „Kommt rein, ihr beiden!“
„Happy Halloween!“, wünschten wir ihm.
Patrick grinste. „Gut hergekommen, trotz deiner Angst im Dunkeln?“ Ich schauderte schon wieder, diesmal nicht vor Kälte. So oft hatten wir schon bei Patrick zu Hause gefeiert, doch diesmal war etwas anders. Die Atmosphäre war nicht so unbeschwert wie sonst. Da war etwas, das ich nicht greifen konnte, und es hatte nichts mit meiner Angst im Dunkeln zu tun. Mein Unbehagen war real, nichts, was mit Verkleidung und heiterem Erschrecken zu tun hatte. War da jemand unter den Gästen, dem ich lieber nicht begegnen sollte? Ich umfasste heimlich meinen Rotkäppchenkorb fester, als könnte ich mich daran festhalten.
„Ich pass schon auf meine Hanna auf!“ Ivo schob mich so schnell in den Flur, dass ich beinahe in das lebensgroße Skelett gestolpert wäre. Es stand direkt vor mir, grinste und hielt ein Tablett mit einer Schale Geleewürmern in der Knochenhand. Dazu leuchtete es grün und blau aus den Augenhöhlen. „Es ist doch nur Halloween, ein Spaß und kein Grund, sich zu fürchten.“ Ivo nahm zwei Würmer aus der Schale, verspeiste den einen und hielt mir den zweiten vor den Mund. Natürlich biss ich zu. Ich liebte Fruchtgummi, Ivo wusste das seit dem Kindergarten. „Ey. Leute, Hanna ist Rotkäppchen!“, rief Patrick den Flur hinunter. Dahin, woher die Musik kam. „Und Ivo ist? – Wartet mal!“ Er drehte sich zu uns. „Diesmal habe ich ein paar mehr Leute eingeladen, die wieder welche mitgebracht haben. Ihr werdet schon sehen. Kommt mit!“ Patrick ging mit wehendem weißen Kostüm voraus. Moritz streckte den Kopf aus dem Raum, der an normalen Tagen das Wohnzimmer war. Er war ein Pirat mit Augenklappe, Spitzenhemd, weiten gestreiften Hosen und einer breiten Schärpe, die seinen Bauch betonte. Auch dieses Jahr hatte er sich wieder so viel Mühe gegeben. Trotzdem sah er mit seinem Kindergesicht auch in diesem Kostüm aus wie zwölf und nicht wie neunzehn. „Eure Kostüme sind toll“, sagte er, als er uns Platz machte, damit wir in den Partyraum eintreten konnten. „Du bist Rotkäppchen, das sehe ich, aber, du, Ivo?“ er musterte meinen Freund, der ihn um fast einen Kopf überragte. „Ein Elf?“
Ich guckte mir meinen Freund von oben bis unten an. Na gut, ja, bei den grünen Klamotten konnte man vielleicht auf die Idee kommen. Aber das Hütchen mit Feder, das er sich auf die blonden Haare gedrückt hatte, sah ja wohl anders aus.
„Natürlich bin ich kein Elf!“, beschwerte sich Ivo lautstark, um die Musik zu übertönen. Er ließ seinen Blick über die anderen Gäste schweifen. Ein Schleimmonster unterhielt sich mit Amadeus im Frack an der Anlage. Eine Catwoman in verboten engem Anzug, das Gesicht von einer Maske verdeckt, stand daneben und lachte über etwas, das die beiden gesagt hatten. Oder lachte sie über das seltsame Schleimmonster? Da war ein Henker, mit Kapuze über dem Kopf, die nackten Armen vor der Brust gekreuzt, der so unbewegt an der Wand lehnte, als sei er selber nur Dekoration. Harry Potter klimperte mit seinem Zauberstab an den leeren Gläsern herum, was die Vampirin neben ihm offenbar weniger witzig fand. Dort, am Fenster, wo sonst eine Zimmerpalme ihren Platz hatte, stand jetzt ein seltsames Zotteldings und hielt sich mit der einen Hand an einem fast leeren Glas fest, während es mit der anderen Hand gestikulierte. Dahinter entdeckte ich endlich meine beste Freundin Nina, die dieses Jahr als Krankenschwester ging. Ich winkte ihr zu. In meinem Körbchen, in dem Rotkäppchen ja der Großmutter Kuchen und Wein bringt, hatte ich tatsächlich Kuchen und Wein, na gut, Sekt. Das stellte ich zu dem Mitbring-Büffet und drängte mich gleich danach, Ivo im Schlepptau, zu ihr durch, vorbei an der mit Spinnweben geschmückten Wand, vor der ein paar Gestalten zu den Klängen von Amadeus’ Anlage zuckten.
Sie begrüßte mich mit einem Küsschen und sah dann Ivo an. „Du bist –.“
„Ich bin kein Elf, ich bin ein Jäger, klar?“, sagte er, noch ehe sie aussprechen konnte. Zum Beweis hielt er sein Plastikgewehr hoch.
„Hey, du, Jäger!“, sagte das Zotteldings neben Nina , das bei näherer Betrachtung wie ein sehr alter fusseliger Teddy aussah. „Ich bin ein Werwolf. Leg dich lieber nicht mit mir an, ja? Mich erwischt du mit dem Ding nicht. Monster wie mich kann man nur mit echten Silberkugeln töten.“
„Ich werde es mir merken“, sagte Ivo. Er drückte meine Hand und ich sah, wie er sich das Lachen verbeißen musste. Der Typ, der noch kleiner war als Moritz, sah aus, wie in einen Teppich gewickelt, aber bestimmt nicht wie ein Monster. Es war zu komisch. Ivo legte sein Gewehr ab und schöpfte mir ein Glas der giftgrünen Halloween-Bowle, in der auch Fruchtgummiwürmchen schwammen, und ich versuchte, das mulmige Gefühl zu ignorieren, das ich einfach nicht abschütteln konnte. Wahrscheinlich hatte ich mich nur auf dem Weg hierher von der Stimmung auf der Straße anstecken lassen. Halloween, das bedeutete Nebel, schwarze Raben und Gänsehaut. Und genau die hatte ich jetzt, ohne zu wissen woher. Der Werwolf machte mir bestimmt keine Angst und dunkel war es hier auch nicht.
„Wie bist du denn auf das Kostüm gekommen?“, fragte Nina und zupfte an einem meiner blonden Zöpfe.
„Emily, Ivos kleine Schwester, hat es vorgeschlagen“, sagte ich und nickte zu meinem Freund. Ivo unterhielt sich mit dem Gastgeber und kippte dabei noch eine weitere Tüte Gummiwürmchen in den großen Bottich mit der Bowle.
„Noch jemand Kürbissuppe?“, rief Patrick und klopfte mit der Schöpfkelle auf den Rand des großen Topfes, der auf der Kochplatte wie ein Hexenkessel vor sich hin dampfte. „Hallo? Kürbissuppe?“ Er musste brüllen, um die Musik zu übertönen. Doch offenbar wollte keiner. Auch der fransige Werwolf winkte ab. Nina wollte, dass wir tanzen. In einem Zug leerte ich mein Bowle-Glas und folgte Nina zu der kleinen Lücke auf der Tanzfläche zwischen den anderen Gästen, die gerade genug Platz für uns bot. Amadeus startete ein schnelles Lied aus den Sommercharts. Nina begann zu tanzen, und ich machte mit. Meine Zöpfe schwangen hin und her, und als ich mich drehte, flog mir mein Rock um die Beine. Nina lachte. Ich stimmte ein, wegen nichts, und im Kopf war mir so leicht. Und kalt war mir auch nicht mehr. Konnte das von nur einem einzigen Glas Bowle kommen? Ich verschluckte mich an meinem eigenen Gekicher, hustete und dann zog ich sie zu mir heran und fragte: „Sag mal, hast du eine Ahnung, was für Teufelszeug in der Bowle drin ist?“
„Außer Gummiwürmchen?“, fragte sie und lachte. „Ist doch egal.“
Und eigentlich war es das auch. Hauptsache war ja, dass meine kribbelige Unsicherheit langsam verging, die sich wie eine beginnende Allergie über meine Haut gelegt hatte. Vielleicht verursachte mir ja nur die Spinnwebdeko eine Gänsehaut, denn in die weißen Netze hatte Patrick kleine Plastikspinnen gesetzt, die für meinen Geschmack ein bisschen zu echt aussahen. Fledermäuse hingen an unsichtbaren Fäden von der hohen Altbaudecke und schwangen mit jedem Luftzug über unseren Köpfen hin und her. Die Lampe war mit schwarzem Stoff verhüllt, der alles in ein Dämmerlicht tauchte. Wie gesagt, gruselig. Auch das Henkerbeil, das an der Wand lehnte, sah für mich fast ein bisschen zu echt aus, jedenfalls in diesem Licht.
Patrick hatte in diesem Jahr viel mehr Leute eingeladen als sonst. Nicht nur die Leute, die zu unserer Clique gehörten, und die ich schon ewig kannte. Die meisten hatte ich noch nie gesehen oder ich konnte unter den Masken nicht genug von ihren Gesichtern erkennen, um mich an sie zu erinnern. Es schien, als sei der ganze Raum gefüllt mit fremden Menschen. Mein Unbehagen verwandelte sich in Faszination. Patricks Gäste, auch die, die nicht tanzten, bewegten sich sanft im Takt, den Amadeus’ Musik vorgab. Die Menschen wirkten wie ein einziger lebendiger Organismus und wir waren ein Teil davon. Ich trank noch einen weiteren Schluck. Die Musik war überall und der Rhythmus der Drums und die dunklen Basslinien hatten mich den Alltag längst vergessen lassen.
Die winzige, mühsam freigehaltene Tanzfläche wurde immer voller. Der fusselige Werwolf drängte sich neben Nina und versuchte, ebenfalls zu tanzen. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu und musste schon wieder kichern, denn er sah wirklich mehr wie ein wildgewordener Bettvorleger aus als wie ein furchteinflößendes Monster. Moritz wippte auf und ab und versuchte niemanden mit seinem Piratensäbel zu verletzen. Eine Fee neigte sich im Takt der Musik hierhin und dahin und Nina drehte sich so wild, dass ihr Stethoskop wie ein Kreisel um sie herum flog. Ich vermisste Ivo, der immer noch am Büffettisch stand. Na gut, ganz so fehlte er mir nicht, denn, um ehrlich zu sein, war Tanzen nicht gerade seine Stärke. Er würde nie so cool tanzen wie zum Beispiel der Typ links neben uns im Henker-Kostüm. „Wer ist das?“, fragte mich Nina.
Ich zuckte die Schultern. „Keine Ahnung.“ Gemeinsam schoben wir uns näher an ihn heran und versuchten herauszukriegen, ob wir ihn kannten. Doch das war nicht so einfach, weil ich zwar seine muskulösen Arme sehen konnte, über die das Partylicht flackerte, aber das war auch schon fast alles. Zu einer ärmellosen Lederweste trug er diese schwarze Henkermaske, die wie eine Haube die gesamte obere Hälfte seines Gesichtes verdeckte. Selbst seine Augenfarbe konnte ich in dem Dämmerlicht nicht ausmachen. Mutig und von der Bowle sogar ein bisschen übermütig machte ich einen weiteren Schritt auf ihn zu. Und fast als wollte er nicht, dass ich sein Gesicht genauer betrachten konnte, drehte er mir in dem Moment den Rücken zu und sah zum Büffet hinüber.
Mein Blick folgte seinem. Da stand Ivo, mein Ivo, neben der Frau in dem knallengen Catwoman-Kostüm und versuchte anscheinend, sich trotz der lauten Musik mit ihr zu unterhalten. Doch seine gestikulierenden Hände konnten mich nicht davon abhalten zu bemerken, wie sein Blick immer wieder eindeutig von ihren Augen südwärts wanderte. Guckte Ivo ihr etwa tatsächlich in den Ausschnitt? Was sollte das denn? So hatte ich Ivo noch nie gesehen. Seit Jahren schon gehörte er zu mir und nie hatte er Interesse an anderen Frauen gezeigt. Oder hatte ich es nur nicht bemerkt? War ich blind gewesen und hatte nur gesehen, was ich sehen wollte? Ich ballte die Hände zu Fäusten, versuchte, Ivo mit Blicken zu erdolchen. Doch mein Blickkontakt wurde unterbrochen. Der Henker vertrat mir die Sicht, ging hinüber zu ihnen und stellte sich neben sie ans Büffet. Er nahm sich eine Limette aus der Schale, und ich bemerkte, dass eine lange rote Narbe über den Rücken seiner linken Hand lief. Mit der unverletzten Rechten zog er ein Messer aus einer Scheide an seinem Gürtel und zerteilte die Frucht damit. Catwoman folgte seinen Bewegungen wachsam, doch der Henker schien es nicht zu bemerken. Oder konnte ich seinen Blick unter der Henkerkappe nur nicht sehen? Er sah ziemlich echt aus und einen Moment lang stellte ich mir vor, er wäre wirklich ein Scharfrichter. Dann könnte er das mit dem Umbringen übernehmen, am besten bei beiden, Ivo und dieser Frau, nachdem meine tödlichen Blicke ja nichts hatten ausrichten können. Immerhin hatte der Henker ein Messer und umbringen war doch sein Job, oder? Doch, statt sie rasch und beherzt zu töten, bot er Catwoman einen Tequila und ein Limettenstück an.
„Hier, für dich. Ich wette, das ist genau deins, oder?“ Halb hörte ich es, halb las ich es von seinen Lippen ab. „Mit Katzen kenne ich mich aus.“
„Lass mich in Ruhe“, fauchte Catwoman. Das musste ich nicht verstehen. Der Gesichtsausdruck reichte.
„Na, wie gut du dich mich Katzen auskennst, sieht man ja an deiner Hand. Die scheinen dich öfter zu kratzen“, sagte Ivo und zeigte auf den Handrücken des Henkers, über den dunkelrote, halbvernarbten Streifen verliefen. Ivo, der Verräter, was tat er bei dieser Frau? Catwoman drehte sich mit einer eleganten Bewegung weg vom Henker und zwinkerte Ivo lachend zu. Ivo zwinkerte zurück, konnte den Blick nicht von ihr wenden und sah immer noch nicht zu mir. Jetzt flüsterte sie ihm auch noch etwas ins Ohr. Fassungslos starrte ich sie an und konnte nicht glauben, was ich da sah. Ivo und diese Katzenfrau flirteten direkt vor meiner Nase! Erst als der Werwolf, der hinter mir tanzte, mir aus Versehen in einer seiner ungelenken Tanzbewegungen einen Schubs gab, erwachte ich aus meiner Erstarrung. Nina zwinkerte mir zu. Offenbar hatte sie geglaubt, dass ich immer noch den muskulösen Henker ansah, dem ich schon vorher mit meinen Blicken gefolgt war, und hatte gar nicht bemerkt, dass Ivo gerade auf Abwege geraten war.
Über die Schulter warf ich der Fremden in ihrem knallengen Bodysuit, die schamlos mit meinem Freund flirtete, einen weiteren giftigen und ebenso nutzlosen Blick zu. Denn ich war Rotkäppchen. Das liebe, brave, blondbezopfte Rotkäppchen mit einem ebenso braven Kleid, hochgeschlossen bis zum Hals. Wieso hatte ich nur den Vorschlag von Ivos kleiner Schwester Emily, als Rotkäppchen zu gehen, so toll gefunden? Wahrscheinlich, weil ich dachte, dass Ivo so etwas süß fand. Und jetzt verschlang er Catwoman mit den Augen und ich wollte kein bisschen mehr süß sein.
Das Lied, das jetzt kam, war lauter, härter und passte zu meiner Laune. Genau. Halloween soll man doch ausgelassen feiern! Und auch geschminkt, wenn man mag. Ich hatte auf Lidschatten und Smokey Eyes verzichtet, aber wenigstens ausprobiert, mir die Lippen knallrot zu schminken, passend zu meinem Umhang. Ivo hatte zwar behauptet, dass das hübsch aussähe, doch ich hatte ihm angesehen, dass es ihm nicht wirklich gefiel. „Du siehst gar nicht mehr wie meine Hanna aus“, hatte er gesagt, als ich ihn direkt fragte. „Ich wette, du fühlst dich selbst nicht wohl damit.“
Ja, er hatte recht. Ich fühlte mich fremd, unsicher, doch ich hätte mir gewünscht, dass er mich ermuntern würde, mal was Neues auszuprobieren. Falsch gedacht. Auf einmal hatte ich mich nur noch lächerlich gefühlt, aufgetuscht und angemalt wie ein Zirkusclown. Und so war ich schnell, bevor wir das Haus verließen, im Bad verschwunden. Die Wimperntusche hatte ich gelassen, doch ich hatte drei Abschminktücher verbraucht, um das Rot von meinem Mund zu schrubben. Wie lange ich vorher gebraucht hatte, um die Lippenkonturen so schön geschwungen hinzubekommen, das hatte ich Ivo nicht erzählt. Eigentlich hätte er sich denken können, dass es mir nicht leicht gefallen war. Ich hatte schon im Kindergarten immer über die Ränder der Ausmalbildchen gemalt. Ich war manchmal ein bisschen ungeschickt und Ivo wusste das. Wahrscheinlich hatte er sich deshalb passend zu meinem Rotkäppchenkostüm als Jäger verkleidet. Der Jäger, der Rotkäppchen, die sich aus lauter Naivität von dem Wolf fressen lässt, später aus dem Bauch des Untiers befreit. Ivo fand, das passte zu uns. Und da stand er jetzt, mein Jäger, die grüne Kappe saß leicht schief auf seinen blonden Haaren, die blauen Augen leuchteten. Er sah hübsch aus, hübsch, nett und zuverlässig, wie immer. Dabei war er im Moment kein bisschen zuverlässig. Er überließ Catwoman seine Hand, die Salz darauf streute, es ableckte. Sie trank den Tequila mit weit zurückgelegtem Kopf und biss in die Limette. Der Henker stand hinter ihr und ich bemerkte, wie sein Blick zu dem Beil an der Wand wanderte. Gute Idee.
„Ach komm, guck nicht so böse!“ Nina hatte natürlich inzwischen auch bemerkt, was sich da abspielte. Sie faltete meine zu Fäusten geballten Hände auf. Dann beugte sie sich vor, um es mir ins Ohr zu rufen: „Du weißt doch, in Wirklichkeit findet Ivo nichts an solchen Mädchen.“
„Tut er nicht?“, fragte ich schnippisch zurück. „Das da sieht mir aber ganz anders aus. Der fällt ihr ja fast in den Ausschnitt. Warum trage ich bloß nicht so ein Kostüm?“
Nina rümpfte die Nase. Was bei ihrer kleinen Kartoffelnase ziemlich lustig aussah. „Das passt doch nicht zu dir. Komm, Hanna. So etwas sieht doch billig aus.“
„Du hörst dich an wie meine Mutter. Die Catwoman da sieht noch viel billiger aus und Ivo verschlingt sie mit Blicken.“ Ich machte eine wütende Bewegung mit den Händen, die mich beim Tanzen die Füße durcheinander bekommen ließ. Ich balancierte mich mit den Armen aus, weil ich im Moment mein Gleichgewicht wiederfinden musste.
„Betrunken?“, fragte Nina.
„Quatsch. Nicht nach dem Bisschen.“ Natürlich hatte sie trotzdem recht. Was war bloß in der Bowle gewesen?
„Komm, tob dich aus, das wird dir guttun!“ Nina zog mich mit sich. Sie hatte uns ein freies Fleckchen erobert und legte richtig los. Ihre langen blonden Haare schwangen im Rhythmus mit. Meine Zöpfe hopsten mit meinen Bewegungen mit wie angeleint. „Ivo würde nie ernsthaft eine andere angucken als dich“, rief Nina mir ins Ohr, um die Musik zu übertönen. „Doch nicht Ivo! Ihr seid doch schon immer zusammen gewesen.“
Hoffentlich wusste Ivo das auch. Obwohl ich beschlossen hatte, ihn zu ignorieren, drehte ich mich automatisch zu ihm. Ivo kam auf uns zu, zwei Gläser mit der berüchtigten Kürbisbowle in der Hand. Und Catwoman in ihrem hautengen schwarzen Pantheranzug folgte ihm, ebenfalls mit zwei Gläsern. Viel zu nah bei ihm für meinen Geschmack.
„Ist irgendwas nicht in Ordnung?“, fragte Ivo und lächelte sein Lächeln, das so aussah wie immer. Sanft und süß wie Erdbeereis. „Irgendwo einen bösen Wolf gesehen, Rotkäppchen? Du guckst so grimmig.“
„Nein, keinen Wolf“, sagte ich und ließ meinen Blick von seinen Augen über seine Schulter weiter zur Seite wandern. Kein böser Wolf, dafür war da eine Katze, die sich in ihrem Skandaloutfit zur Musik zu wiegen begann. Und dabei meinen Freund mit ihrer Hüfte anstubste. Nicht aus Versehen, dazu stand sie viel zu sicher auf ihren gefährlich hohen Absätzen.
„Ich habe uns etwas zu trinken geholt“, sagte Ivo und gab Nina ein Bowleglas. Aus dem anderen trank er selbst. „Sorry, dass ich euch allein gelassen und nicht mitgetanzt habe“, sagte er.
„Du hast für uns was zu trinken geholt? Uns? Heißt das, du trinkst da gerade meine Bowle?“, fragte ich ihn und schnupperte an dem scharf-süßen Getränk. „Und überhaupt, wieso hast du dir nicht selbst eine geholt? Lang genug an der Bar warst du ja.“
„Nein, das ist schon richtig so. Die Bowle hier ist für mich. Weißt du, ich habe dich eben schwanken gesehen. Du hattest wirklich genug Alkohol, Hanna“, sagte Ivo.
Vielleicht, aber er mit Sicherheit auch. Er nuschelte schon, dass es sich anhörte, als würden die Buchstaben seiner Wörter ineinanderlaufen. „Wieso kriege ich nichts mehr, wenn du selber nicht mehr deutlich sprechen kannst?“, beschwerte ich mich. „Ist das vielleicht gerecht?“
„Du weißt doch, dass du nichts verträgst. Aber keine Sorge, für dich habe ich ja auch was.“ Er lächelte. Ein bisschen entschuldigend und irgendwie hätte ich es immer noch süß gefunden, wenn mir sein Verhalten eben nicht die Augen geöffnet hätte. Mistkerl. Er hatte mich Catwoman geflirtet, die ihm immer noch nicht von der Seite wich. „Was?“, fragte ich, denn irgendwie hatte er weitergeredet und ich hatte nichts mitbekommen.
„Stell dir vor, was deine Eltern mir erzählen, wenn ich dich betrunken nach Hause bringe!“, wiederholte er.
Ja, ja, meine Eltern. Die sahen in mir immer noch gerne die Zwölfjährige. „Und was kriege ich jetzt?“
„Hier!“ Er schenkte Catwoman ein viel zu warmes Lächeln, nickte ihr zu und sie gab mir das Glas weiter, das sie mitgebracht hatte. „Mineralwasser“, sagte Ivo. „Mit extra viel Eis. Das ist wirklich besser für dich. Cheers!“
Ich zuckte zurück, als meine Hand die der Katze berührte. Überrascht sah ich sie an. Es war fast wie ein Stromschlag, als würde sie eine Hitze umgeben, die mich verbrannt hatte. Was war das? Ich war mir sicher, dass das nicht mit dem Alkohol zusammenhing. Ungerührt erwiderte sie meinen Blick. Sie hatte ein Geheimnis, da war ich mir sicher, doch sie verbarg es mir gegenüber hinter einer Wand aus Eis.
Ach ja, Eis. Ich guckte zweifelnd in mein Glas. Kippte es. Die Eiswürfel klingelten leise gegeneinander. Hätte Patrick als guter Gastgeber nicht wenigstens irgendwelche grelle Lebensmittelfarbe reintun können, damit es mehr nach Halloween aussah? Grün wäre das wenigstens noch ein bisschen cool gewesen.„Wasser? Du gönnst mir bloß Wasser?“, fragte ich ihn. “Du weißt schon, was heute ist?“
Er zog seine Augenbrauen hoch, wie er das immer machte. So, dass er aussah wie ein Nachwuchs-Märchenonkel. „Halloween?“
Ich piekte ihm mit dem spitzen Finger auf die Brust. „Eben. Party. Feiern. Was trinken. Spaß haben.“
„Pass auf, Hanna!“, sagte er und brachte sein Glas vor meiner Hand in Sicherheit. Die Bowle schwappte ihm auf die Hand. Catwoman lachte, auch wenn ich es nur sah und im Lärm der Musik nicht hören konnte. Wieso stand die überhaupt noch da? Warum ging die nicht? Hatte die nicht irgendwo ihre eigenen Freunde? Ich wünschte, Patrick hätte nicht so viele fremde Leute eingeladen, schließlich war es immer unsere Feier gewesen. Früher hatte ich hier jeden gekannt. Da, der Henker kam wieder in unsere Richtung, mit leicht nach vorn geneigtem Gesicht sah er richtig bedrohlich aus. Er machte das gut. Und ich war mir ziemlich sicher, dass ich den auch noch nie gesehen hatte. Doch bei der Maske hätte ich das natürlich nicht genau sagen können. Nichtmal, wenn ich ganz nüchtern gewesen wäre. Ich betrachtete ihn genauer, doch wieder wich er meinem Blick aus und sorgte dafür, dass die Schatten auf sein maskiertes Gesicht fielen. Seine kräftigen Arme gefielen mir trotzdem.
„Hanna“, sagte Ivo und holte sich meine Aufmerksamkeit zurück.
„Ich bin fast erwachsen. Meinst du, da darf ich nicht mal Bowle trinken? Wer bist du denn? Mein Babysitter? Oder habe ich dir schon mal vor die Füße gekotzt?“
Ein Schmunzeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Ja, aber das auf Ninas Geburtstag zählt wohl nicht.“
Am liebsten hätte ich mit dem Fuß aufgestampft. „Meine Güte, da waren wir dreizehn und ich kriegte die Grippe! In der Nacht danach hatte ich 39 Grad Fieber!“
Ivo legte mir eine Hand in den Nacken und zog mich zu sich hin. So nah, dass sich unsere Nasen fast berührten. So nah, dass ich außer seinen blauen Augen nichts mehr sah. „Liebes, kleines, süßes Rotkäppchen,“ flüsterte er. „Jetzt hör auf rumzuzicken, guck mal, die anderen wundern sich schon. Komm, trink einfach dein Mineralwasser aus und gib mir das Glas zurück.“
Fast hätte ich ihn aus lauter Gewohnheit geküsst. Fast. „Und dann?“, fauchte ich.
Sein Lächeln blieb wie festgeklebt. Wollte er nicht merken, wie wütend ich war? „Dann tanzt du fröhlich weiter mit Nina und wippst mit deinen süßen Zöpfchen.“ Er schnippte mit der freien Hand gegen die Flechte, die auf meiner Schulter lag.
Catwoman kräuselte amüsiert den Mund, trank einen Schluck aus ihrem Glas, natürlich Bowle, und leckte sich danach genüsslich über die Lippen.
„Du kannst mich mal von wegen süßen Zöpfchen!“, rief ich. „Komm, Nina, wir tanzen!“
Ich stellte das Mineralwasser ab, griff meine Freundin bei der Hand, und zog sie von dem doofen Ivo und Catwoman weg. Er sollte ruhig sehen, dass ich prima ohne ihn klarkam.
Der nächste Song war schnell und ich tanzte mir die Wut auf Ivo aus dem Bauch. Ich warf die Hände in die Luft, auch wenn Nina schmunzelte. Sollte sie ruhig stocksteif vor sich hin tanzen. Heute war Halloween! Wochenlang hatte ich mich darauf gefreut, hatte meinen Umhang genäht und das Kleid ausgesucht. Sogar Zöpfe flechten hatte ich geübt. Und jetzt war Ivo so doof! Ich zog die Zopfgummis aus den Enden und zerrte meine Finger durch die Haare. Meine Haare flogen. Ja, wahrscheinlich hatte ich wirklich zu viel Bowle. Wahrscheinlich passte ein langsamer Walzer mit Ivo besser zu mir. Sollte er doch sehen, was er verpasste. Wo war er überhaupt? Da, wo ich ihn stehen gelassen hatte, jedenfalls nicht mehr.
Da war Benedict im Löwenkostüm, da hinten flirtete Amadeus im Frack mit einer dunkelhaarigen Fee. Der Henker lehnte wieder an der Wand, neben sich die Axt, die durchtrainieren Arme vor der Brust verschränkt und guckte grimmig. Wahrscheinlich.
Und mein grüner Jäger? Das konnte einfach nicht wahr sein! Auch Nina erstarrte neben mir. Ich war wie schockgefrostet. Nach einer Weile dachte ich endlich daran, meinen Mund zuzuklappen.
Ivo küsste Catwoman. Er hielt sie in seinen Armen. Und küsste sie. Kein Zweifel, ich hatte mich nicht verguckt. Sie hatte die Arme um seinen Hals gelegt und drückte sich so nah an ihn, dass mir schon beim Hinsehen schlecht wurde. Und er hatte die Hände an ihren Hüften. Da! Mein Freund küsste eine fremde Frau!
„Was macht er da?“, kreischte Nina, laut genug, um die Musik zu übertönen.
Ich klappte dem Mund auf, um zu antworten, aber dann klappte ich ihn stumm wieder zu. Statt etwas zu sagen, marschierte ich auf Ivo zu, griff mir noch im Vorbeigehen mein Mineralwasserglas und baute mich vor meinem Bis-eben-noch Freund auf. Ich fühlte mich wie eine Colaflasche, die man zu kräftig geschüttelt hat. Bis obenhin war ich voll von schäumender Wut, die auf der Stelle rausmusste, wenn ich nicht explodieren wollte. Und endlich konnte ich auch wieder reden. Laut. „Sag mal, was ist denn in dich gefahren?“, schrie ich ihn an. „Schickst mich tanzen, damit du hier mit ’ner anderen rumknutschen kannst?“
„Hanna, pass mal auf!“ Ivo legte seine Hand auf meinen Arm.
„Lass mich los!“, schrie ich. Zog den Arm so hastig zurück, dass dieses bescheuerte Mineralwasser über meine Hand schwappte.
„Jetzt hör mir doch erst mal zu!“ „Nein!“, rief ich. „Ich höre dir nicht zu!“
„Mäuschen!“, sagte er, hob abwehrend die Hand.
„Und dein Mineralwasser kannst du dir sonst wohin –“ Ich wollte ihm das Wasser mit einem Schwung über den Kopf schütten. Doch er war schneller. Er fing meine Hand und hielt sie fest. Sehr fest, es war, als steckte meine Hand in einer Schraubzwinge. Eben noch waren wir ebenbürtig gewesen, jetzt fühlte ich mich wie ein Kind, das gemaßregelt wird, und das ließ die Wut in mir erst richtig auflodern. Ich versuchte mit aller Macht, mich freizukämpfen, doch vergebens. Verdammt! Ich wusste gar nicht, dass Ivo so viel Kraft hatte. Und wahrscheinlich hatte ich auch wirklich zu viel von der Bowle getrunken. Kürbisbowle. Halloweenbowle. K. O.-Bowle. Was hatten die da noch reingetan? Und da war immer noch Catwoman. Konnte die nicht ein schlechtes Gewissen kriegen und abhauen? Stattdessen stand sie da und verfolgte schmunzelnd unsere Rangelei. Warum stand sie immer noch da? Warum zum Teufel musste sie da stehen und so aussehen wie ein fleischgewordener Männertraum? Ich konnte ja nicht mal ihr ganzes Gesicht sehen, wegen der Halbmaske. Vielleicht hatte sie wenigstens Pickel auf der Stirn. Oder hässliche Augenbrauen wie Ginstergestrüpp. Sie flüsterte Ivo etwas zu. Ich versuchte, meine Hand mit einem Ruck nach oben aus Ivos Griff zu befreien, kämpfte mit aller Kraft. Da zerplatzte auf einmal das Glas in meiner Faust. „Vorsicht, Hanna!“, rief Nina hinter mir. Ich schrie auf und im nächsten Moment ging ein Scherbenregen auf uns nieder. Catwoman wollte ausweichen und stürzte, als sie mit jemandem zusammenstieß. Amadeus hastete zur Anlage und die Musik verstummte mitten im Lied. War das wirklich ich gewesen? Einfach so? Stille hing im Raum wie ein Fluch. Ivo warf mir wütende Blicke zu und wischte sich Wassertropfen und Glassplitter aus den Haaren. Ich griff automatisch eine Handvoll von Patricks falschen Spinnenweben und wischte damit durch seine Haare. Es klingelte leise, als die Scherben auf den Boden fielen. Neben mir stöhnte Catwoman auf dem Boden.
„Was soll das denn?“, fragte Nina.
„Ich wollte die Splitter aus seinen Haaren wegmachen“, sagte ich. War das nicht klar? Ich musste meinem Freund doch helfen. Dann traf mich die Erkenntnis. Das hier war nicht mehr mein Freund. Das war mein Exfreund. Er hatte Catwoman geküsst. Vor allen. Nie wieder würde ich ihn anfassen. Ende. Aus. Etwas schnürte mir die Kehle zu.
„Ach, Hanna!“ Nina nahm mir die falschen Spinnweben aus der Hand und seufzte. „Beweg dich nicht, Ivo! Ich hole ein Handtuch aus dem Bad.“
Ivo bewegte sich natürlich doch. Er schüttelte seinen Kopf wie ein nasser Pudel nach einem Bad am Hundestrand. Dann kümmerte er sich um Catwoman. Er half ihr, sich auf ihre viel zu hohen Plateauschuhe hochzurappeln, und stützte sie. Sie hatte einen Arm um Ivo gelegt und balancierte auf einem Fuß. Ich konnte es nicht glauben. Entweder sie schauspielerte grandios, oder sie hatte sich tatsächlich den Fuß verknackst.
„Da siehst du, was du angerichtet hast, Hanna!“, sagte Ivo. Er stand direkt vor mir. Irritiert wanderte mein Blick vom Fußboden hoch in sein Gesicht. „Gehst du jetzt wenigstens aus dem Weg und lässt uns vorbei?“, fragte er.
„Ist nicht so schlimm“, sagte Catwoman und lächelte Ivo an. Obwohl sie eben noch den Mund schmerzvoll zusammengekniffen hatte. Es war das erste Mal, dass ich ihre Stimme hörte. Wieso hatte sie auch noch so eine dunkle, sexy Stimme? Verflucht.
„Hallo? Lässt du uns mal durch? Siehst du nicht, dass sie sich hinsetzen muss, Hanna!“ Ivo schob mich mit der einen Hand zur Seite und stützte Catwoman, die mit seiner Hilfe und sehr eindrucksvoll zu der Stuhlreihe an der Wand humpelte. Die ganze Zeit hing sie an ihm, als hätte er ihr gerade das Leben gerettet.
„Oh, Scheiße!“, sagte Nina und rannte los. Plötzlich hatte sie von irgendwo her einen Besen und begann die Scherben zusammenzufegen. Ich stand da wie betäubt. Ivo saß bei Catwoman, die, einen Fuß hochgelegt, mit dem Handy telefonierte.
Ich war auf einen Schlag nüchtern. Glasklar war in meinem Kopf nur noch für einen Gedanken Platz: Mein Freund hatte eine andere geküsst! Mein Ivo hatte unsere Beziehung verraten! Und ich konnte mich nicht mal bei jemandem ausheulen, weil alle so furchtbar damit beschäftigt waren, sich um die zu kümmern, die er geküsst hatte. In Ivos Haaren funkelten immer noch Glassplitter, winzig wie Eiskristalle. Patrick hatte für Catwoman aus Crushed Ice und einem Geschirrtuch ein Cool-Pack gebastelt. Und als ich sie ansah, wusste ich, dass nur sie der Grund für das seltsame Gefühl gewesen sein konnte, das ich schon beim Betreten des Hauses gehabt hatte. Ich hätte darauf hören und auf der Stelle mit Ivo wieder gehen sollen. Ich hätte ihr niemals begegnen sollen. So jemand wie sie brachte nur Unglück.
Jemand hielt mir ein Glas Bowle hin. „Danke“, murmelte ich, nahm sie, ohne hinzusehen.
„Willst du nicht mithelfen?“, fragte Nina. Da war ein Blutfleck auf dem Fußboden. Oder war das Dunkle nur die verschüttete Bowle?
„Wo sind die Lappen?“, fragte jemand. Amadeus? Oder einer der Fremden aus der Menge. Hastige Schritte knirschten. „Vorsicht mit den Glassplittern!“, rief Patrick. Jemand antwortete.
Dann wurden sie auf einmal stumm. Die Gespräche erstarben. Selbst Nina hatte aufgehört zu fegen. Alle Augen wanderten zur Tür. Langsam drehte ich mich auch um. Da kam jemand ins Zimmer hinein. Das fremdartige Kribbeln, das schon seit meiner Ankunft in mir vibrierte, steigerte sich. Und eigentlich war es nicht unangenehm, nur sehr fremdartig. War es gar nicht Catwoman, war er es, der mich so durcheinanderbrachte? Vielleicht war es seine Art, sich zu bewegen. Er trug nicht mal ein Kostüm. Nur Jeans und einen Kapuzenpullover, die Kapuze so weit vorgezogen, dass sein Gesicht im Schatten lag. Seine blauen Augen sah ich trotzdem. „Wow!“, flüsterte Nina neben mir. „Ist der heiß.“ Ja, das war er und er bewegte sich so, als ob er es ganz genau wüsste. Stolz und schön wie ein junger Adler. Wach, und doch distanziert, als sei er auf der Jagd und hätte nur noch niemanden gefunden, der als Beute interessant genug gewesen wäre.
„Da bist du ja“, hauchte Catwoman, als er, ohne uns andere auch nur zu bemerken, auf sie zukam. Natürlich, wieder war sie es, die den Mann bekam. Erst meinen Ivo, jetzt ihn.
„Schlimm?“, fragte er und beugte sich über ihren Fuß. Dann legte er seine Hand darauf, um ihn mit den Fingerspitzen abzutasten.
„Geht“, antwortete sie. Mit zusammengebissenen Zähnen.
„Sei nächstes Mal vorsichtiger“, sagte er und dann nahm er zum ersten Mal uns wahr. Mit zusammengezogenen Augenbrauen ließ den Blick durch den Raum schweifen, als wären wir für ihr Unglück verantwortlich. Na gut, bei mir hatte er damit recht.
Catwoman sah das offenbar genauso. Ihr Blick wanderte zu mir. „Ich werde daran denken, dass es gefährlich werden kann, wenn ich das nächste Mal auf eifersüchtige Märchenfiguren stoße“, sagte sie.
Wütend ballte ich meine Hände zu Fäusten und starrte zurück. Sie tat ja geradezu so, als hätte ich das Glas mit Absicht zerbrochen. Dabei war es einfach so passiert. Ich hatte nicht mal besonders fest zugedrückt, da war es auch schon in tausend Splitter zerplatzt.
Der Schwarzhaarige streifte mich mit einem kurzen Blick aus seinen viel zu blauen Augen. Magisch. Das Wort hatte sich ganz von selbst in meine Gedanken gestohlen. Dann wandte er sich wieder dem Unfallopfer zu. „Danke für deine Hilfe“, sagte er zu Ivo, der immer noch das Eis auf den verletzten Fuß drückte. „Aber hier übernehme ich wohl besser.“
„Wer ist das?“, wollte Ivo von Catwoman wissen. „Dein Freund?“
„Nein. Aber das ist okay“, sagte sie und legte Ivo die Hand auf den Arm.
„Wirklich?“, fragte Ivo noch mal nach, die Augenbrauen zusammengekniffen. „Du hast doch vorhin gesagt –?“
„Ist alles in Ordnung“, unterbrach sie Ivo, schenkte ihm ein warmes Lächeln und küsste ihn tatsächlich noch mal auf die Wange. Wenigstens hatte Ivo so viel Anstand, rot zu werden.
Patrick sah hilflos von seinem verletzten Gast zu dem geheimnisvollen Eindringling. „Soll ich euch ein Taxi rufen?“, bot er an.
„Nein, danke, wir kommen schon klar“, sagte der Mann mit der Kapuze. Er legte Catwoman eine Hand um den Rücken und legte den anderen unter ihre Knie. Ohne jede Mühe hob er sie auf. Was vielleicht nicht ganz so schwer war, denn Catwoman hatte eine superschlanke Figur. Wahrscheinlich wog sie so gut wie nichts. Ich musste kichern, als ich mir vorstellte, wie der Kapuzenmann unter meinen Fettpölsterchen gestöhnt hätte. Ich Dumme. Als wenn so einer an mir interessiert wäre. Langsam kehrte der Alkoholnebel in mein Gehirn zurück. Ich war wirklich nicht mehr nüchtern.
Nina neben mir, ebenfalls angeschickert, versuchte tatsächlich, durch die Zähne zu pfeifen, als der Mann mit Catwoman auf dem Arm den Raum verließ. Doch es kam zum Glück nur ein ersticktes Zischen aus ihrem Mund.
Als die beiden verschwunden waren, blieb nur noch ich zum Anstarren übrig. Die Frau mit dem Scherbenregen. Rotkäppchen, die gerade vor aller Augen von ihrem Jäger verlassen worden war.

Kleine Krähe. Richtig.Kapitel 2 – Nicolas

„Danke, dass du gekommen bist.“
„War doch klar. Wieso warst du überhaupt auf der Party?“ Wir wussten beide, dass es gefährlich für uns war, nachts rauszugehen. Automatisch suchte mein Blick die Straße vor uns hinter uns nach Krähenjägern ab. Vor uns eine Frau, die einen Kinderwagen schob, auf der Straßenseite gegenüber eine, die ihren Hund ausführte. Als ich mich umsah, kam gerade der Henker von der Party aus der Eingangstür, lehnte seine alberne Axt neben sich an die Wand und telefonierte. Dem war wohl auch die Lust auf die Party vergangen. Und da kam auch schon das niedlichen Rotkäppchen aus dem Haus gerannt und blieb stehen, als wüsste sie nicht mehr weiter.
„Ja, ich war ein böses Mädchen. Mensch, Nicci! Du weißt doch am besten, wie das ist. Ich musste endlich mal raus. Und ich habe mir extra die schwarze Maske besorgt. Heute Nacht bin ich nicht ich.“ Sie griff nach ihrem Katzenschwanz und wischte mir mit dem puscheligen Ende über die Wange. „Heute Nacht bin ich Catwoman.“
So schlank wie sie war, sie war doch ganz schön schwer. Langsam wurden meine Arme lahm. „Schleichen Katzen nicht gewöhnlich? Catwoman, die nicht mehr laufen kann. Nicht sehr sexy“, sagte ich und bemühte mich, dabei nicht zu sehr zu japsen.
„Du kannst mich ruhig runterlassen. Ab hier kann ich allein weiter.“
Sie hatte recht. Im Schatten eines geparkten Lieferwagens blieb ich stehen und als ich sah, dass uns niemand beobachtete, ließ ich sie vorsichtig auf den Boden gleiten. Als sie mit dem verletzen Fuß aufkam, zuckte sie zusammen und hielt sich an meiner Schulter fest.
„Was ist denn vorhin eigentlich passiert?“, fragte ich.
„Ein Glas ist zerbrochen, ich wollte den Scherben ausweichen und bin auf dem verschütteten Wasser ausgerutscht.“
„Ein Glas ist zerbrochen. Einfach so.“
Sie schüttelte den Kopf. „Ja, gut, es war meine Schuld, dass das Glas zerbrochen ist.“
„Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort“, sagte ich und warf ihrem lädierten Fuß einen deutlichen Blick zu.
„Sehr witzig, Nicolas.“
„Können wir los?“, fragte ich.
„Klar.“ Sie humpelte einen Schritt vorwärts und griff sich im nächsten Moment mit der Hand in den Nacken.
„Bist du da auch drauf gefallen?“, fragte ich.
„Quatsch. Es brennt. Schätze, da hat mich eine von den Scherben erwischt.“
„Zeig mal.“ Sie zog ihr Kostüm nach unten und ich sah nach.
Tatsächlich. Da war ein winziger Schnitt, wie ein Strich mit einem roten Fineliner. „Glück gehabt. Das hätte ins Auge gehen können.“
„Siehst du, ich bin ein Glückskind. Und jetzt komm.“
Noch einmal kontrollierte ich die Straße. Komisch.
„Du hast doch gleich mich angerufen, oder“? , fragte ich.
„Ja.“
„Guck mal, irgendwer hat wohl gemeint, du bräuchtest einen Krankenwagen.“
„Wer ruft denn einen Krankenwagen für mich, ohne mit zu fragen?“
Wir machten uns auf den Weg. Vorsichtig und sehr wachsam.

Kleine Krähe. Richtig.Kapitel 3 – Hanna

Ivos Blick suchte meinen. Doch ich, ich hatte genug. Ich warf mir mein rotes Rotkäppchen-Cape um die Schultern, als wäre es das von Superman, und marschierte aus dem Zimmer. Ich brauchte Luft. Und vor allem musste ich hier weg. Schnell.
„Soll ich dich begleiten?“, fragte Nina, die mich im Flur einholte.
Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte Angst, dass man die Tränen in meiner Stimme hören würde, wenn ich sprach.
„Ich ruf dich an, Hanna!“, sagte sie.
Ich nickte, ging die Treppe hinab, stieß die Haustür auf und trat hinaus in die Nacht. Krachend fiel die Tür hinter mir ins Schloss. Niemand hielt mich auf. Nichtmal Patrick.
Verflucht, war das kalt! Mein Kostüm war viel zu dünn. Und die kalte Nachtluft ließ meinen Schwips wieder lebendig werden und anwachsen, dass es sich anfühlte, als wäre ich gegen eine Betonwand gelaufen. Verflucht, noch mal verflucht! Alles drehte sich in meinem Kopf. Herum und herum. Warum hatte der Henker mir nicht geholfen und Catwoman einfach in Ketten gelegt und abgeholt? Ach, nein, das war ja nur ein Wunschtraum gewesen, ich wollte ja nicht wirklich, dass jemand stirbt. Und der Mann mit der Kapuze war ja auch kein echter Henker. Es war Halloween. Wir alle waren nicht das, was wir vorgaben zu sein.
Nichts hier war echt. Die Straßenlaternen leuchteten wie Taschenlampen die Erde an. Die Bäume sahen aus wie schwarze Skelette, die ihre langen Zweigfinger nach mir ausstreckten. Ich schauderte und fühlte die Gänsehaut mit kleinen Eiswürfelfingern über meinen Rücken hoch in meinen Nacken kriechen. Na gut, nicht nur weil es so kalt war. Auch weil ich Angst im Dunkeln hatte. Schon wieder. Ich wickelte meinen Umhang um mich und hoffte, er würde mich vor Nachtgespenstern schützen, wie es meine Bettdecke früher immer gemacht hatte. Ja, ich war betrunken. Und ich hatte schon immer Angst im Dunkeln gehabt. Ivo wusste das. Doch das hier würde ich ohne Ivo schaffen. Alles würde ich in Zukunft ohne Ivo schaffen.
Ich ging einfach weiter. Einen Fuß vor den anderen. Ich drehte mich nicht um, als ich hinter mir erneut die Haustür hörte. Auch nicht, als da hinter mir Schritte waren. Diesmal hatte ich keine Angst. Ich kannte die Schritte.
„Hanna“, rief Ivo. „Bleib hier, Hanna! Warte auf mich.“
„Nein!“, sagte ich, laut und deutlich. Doch ich ging langsamer. Na gut, ich ging ziemlich langsam, ganz automatisch. Ivo hatte mich schon so oft wieder eingefangen, wenn die Wut mit mir durchgegangen war. Er hatte mich so oft gehalten, wenn ich ausgeflippt war, wegen einer ungerechten Note für eine Klassenarbeit oder weil meine Eltern wieder einmal so lange weggeblieben waren, dass für unsere angekündigten Ausflüge keine Zeit mehr war. Doch diesmal war alles anders. Diesmal hatte Ivo uns verraten, vor allen anderen. Wie konnte er so etwas tun!
„Das war nicht so, wie es aussah. Hanna, ich kann dir das erklären. Bitte! Willst du nicht wenigstens auf das Feuerwerk warten? Wir wollten doch zusammen in den Park und das Feuerwerk ansehen, das hast du doch gesagt.“
Ja, ich wäre fast stehen geblieben, hätte mich am liebsten einfach umgedreht und mich in seine Arme fallen lassen. Hätte mich an ihm festgehalten und ihn alles in Ordnung bringen lassen, wie er es immer tat. Weil er all das für mich tat, einfach nur darum, weil ich ihn liebte. Das hätte ich getan. Fast.
In dem Moment fuhr ein Krankenwagen mit Blaulicht vor Patricks Haus vor. Die Scheibe der Fahrertür fuhr herunter und der Kopf eines Mannes schob sich heraus, sah sich suchend um.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Ivo. Natürlich, so war Ivo. Er konnte nicht mal seiner Ex-Freundin hinterherrennen, wenn er jemandem helfen musste. Und sei es nur ein Krankenwagen, der offenbar umsonst gekommen war.
Die Stimme, die antwortete, klang mürrisch. „Wir sollen hier eine junge Frau abholen. Fußverletzung.“
„Wer hat sie denn angerufen?“, fragte Ivo.
„Wo ist jetzt die Frau?“
„Tut mir leid. Die ist schon weg.“
„Verdammt!“, fluchte der Fahrer und schaltete das Blaulicht aus.
„Was?“ Ivo war von der wütenden Reaktion des Fahrers genauso irritiert, wie ich es gewesen wäre. Verwundert sagte er: „Ja, tut mir ja auch leid, dass Sie umsonst gekommen sind. Ich wusste ja nicht mal, dass Sie angerufen wurden. Wer war es denn, der Sie benachrichtigt hat?“
Ja, das hätte ich auch gerne gewusst. Normalerweise. Jetzt hätte ich allerdings nur noch gerne gewusst, wie ich diesen Tag in Würde hinter mich bringen sollte, ohne gleich auf offener Straße loszuheulen. Ich drückte meine Handfläche mit der anderen Hand. Dabei erst wurde mir bewusst, dass sie schon die ganze Zeit brannte. Im Licht der Straßenlaterne sah ich das Rot, sah, dass sie blutete. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich mich am Glas geschnitten hatte. „Pass auf, Ivo“, dachte ich. „Geh zu Catwoman, oder worauf du sonst so stehst. Ich werde dir zeigen, dass ich wundervoll ohne dich nach Hause komme.“ Dann drehte ich mich so schwungvoll um, dass mein roter Umhang um mich flatterte und ich von der Drehung fast zu Boden gegangen wäre, und ließ Ivo einfach vor Patricks Haus stehen. Die seltsam prickelnde Magie hatte ich auf der Party zurückgelassen. Und ich hatte keine Angst vor der Dunkelheit, heute nicht, das nahm ich mir fest vor. Ich würde einfach nicht an dunkle Ecken und im Finstern verborgene Gestalten denken. Ich konnte das, ganz bestimmt!

An der nächsten Straßenecke, als niemand mehr zu sehen war, den ich davon überzeugen musste, wie furchtlos ich war, blieb ich stehen. Es war still. Richtig still. Viel zu still. Wenn Menschen auf den Straßen unterwegs waren, sich unterhielten und in ihre Handys redeten, wenn Musik aus Autos und Ladentüren kam, fand ich das irgendwie beruhigender. Ob die Dunkelheit zusammen mit dem Licht auch die Geräusche schluckte? Das Krächzen zweier Krähen, mitten in die Stille hinein, ließ mich zusammenzucken. Wie tiefschwarze Geisterschatten flogen sie über mich hinweg und verursachten mir eine Gänsehaut. Was taten sie hier, jetzt, nachts, wo eigentlich nur Eulen unterwegs sein sollten? Vielleicht hatte das matte Licht der Straßenlaterne ihnen den Tagesanbruch vorgegaukelt? Ich schauderte. Ich sollte weitergehen. Stehenbleiben und Lauschen war jedenfalls keine gute Idee. Schon darum nicht, weil die Kälte meinen Umhang längst überwunden hatte und begann, in mein Kleid zu kriechen. Ich versuchte, das Zittern zu unterdrücken, atmete tief durch und ging dann eilig weiter. Dabei redete ich mir ein, dass mein Herzklopfen nur von dem schnellen Marschieren käme. Nicht von der Dunkelheit. Nicht von den Krähen. Meine Schuhsohlen klapperten auf den Gehwegplatten einen raschen Takt. Schließlich musste ich schnell sein. Denn falls Ivo es sich noch einmal anders überlegte, falls er mir doch noch nachlief, wollte ich weit genug weg sein, dass er mich nicht mehr einholen konnte. Es konnte ja immerhin sein, dass er mir doch noch folgte.
Als wir losgegangen waren, war er noch mein Jäger. Meiner. Doch jetzt war alles anders. Selbst wenn er mir nachlief, ich würde mich nicht umdrehen. Ich würde nicht einmal dann stehenbleiben, wenn er atemlos hinter mir herlaufen würde. Ich blickte über die Schulter aber da war immer noch nur die leere Straße mit dem übergequollenen orangefarbenen Mülleimer am Laternenmast. Kein Ivo. Natürlich musste er sich die Bemalung abwaschen. Bestimmt würde Ivo mir nur ohne Bart und ohne den grünen Hut nachlaufen. Und vielleicht würde er mir auch überhaupt nie mehr nachlaufen. Wahrscheinlich hatte er mit Catwoman die Handynummern ausgetauscht und interessierte sich im Moment viel mehr dafür, wie es ihr ging.
Der Alkohol schwächte meine logischen Gedanken und ließ die Angst frei. Ich ging schneller. Mein Umhang raschelte und meine Schritte hallten viel zu laut in den leeren Straßen. Weckten womöglich irgendwelche Monster in der Dunkelheit und lockten sie hervor. Am schlimmsten war die Angst vor der Angst, die immer mehr zunahm, je mehr Raum ich ihr in meinen Gedanken ließ. Schon hatte sie begonnen, in meinem Denken erste feine Wurzeln zu schlagen. Meine Gänsehaut kam nicht nur von der Kälte. Ich hatte das Dunkel schon als Kind gehasst. Wer wusste schon, was dort in den finsteren Ecken lauerte? Da konnte alles sein. Konnte plötzlich hervorkommen. Nein, halt. Langsam! Ich zwang mich dazu, nicht zu rennen. Rennen würde es schlimmer machen. Rennen öffnete der Angst vollends die Tür. Rennen machte mich zum gehetzten Tier. Ich wusste nicht, was gegen Angst im Dunkeln half, ich wusste nur, was sie im Zaum hielt. Langsamer atmen. Langsamer gehen. Gehen, als wäre es Tag und alles hell und vertraut. So tun, als würde die Welt sich nicht ändern, wenn die Sonne untergeht. Gleichmäßig atmen. Ich durfte mir nichts anmerken lassen. Nicht die Schrecken anlocken, die wie die wilden Tiere riechen, dass man Angst hat. Nicht in die finsteren Ecken starren und nicht den eigenen rasenden Herzschlag für die Schritte von unsichtbaren Verfolgern halten. Ruhiger atmen. Gut so. Das hier war keine apokalyptische Kraterlandschaft, sondern ganz normale Häuserzeilen. Keine Monster, keine Endzeitwaffen, sondern leere Fahrradständer, kahle Bäume am Straßenrand und neben mir Häuser. Nur Häuser, rechts und links, mit Menschen darin. Menschen, die Fernsehen sahen, Musik hörten, Bücher lasen.
Langsam löste ich meinen Blick vom Boden. Dunkle Hauseingänge. Nicht den Blick dort hineinsaugen lassen. Da sind nur Türen. Egal, was dahinter lauern könnte. Sie sind geschlossen. Es sind einfach nur Türen. Mein Blick wanderte höher. Dahin, woher das Licht kam. Die grauen pickeligen Rauputzwände hinauf. Ich sah zu den Fenstern rechts und links hoch. Keine gute Idee in einer Halloweennacht. Von oben grinsten mich grün leuchtende Skelette an. Fette orange Kürbisse, die nicht darum weniger hämisch aussahen, weil sie aus Papier ausgeschnitten waren. Was war das? Rascheln, eine schnelle Bewegung. Eine schwarze Katze schoss aus einem Kellereingang hervor. Sie fauchte mich an. Nein, sie fauchte die einzelne Krähe an, die in diesem Moment vor mir auf der Straße gelandet war und mich ansah. Auch die Krähe machte mir Angst, doch die Katze verjagte sie wieder, ehe sie näher kommen konnte. Gute Katze. Sie überquerte die Straße und verschwand gegenüber in einer Einfahrt.
Und jetzt? Die Straße vor mir hatte ich mit Sicherheit noch nie gesehen. Und zum U-Bahnhof Mehringdamm ging es dort schon gar nicht.
Wo zum Teufel war ich? Wäre ich ein wenig weniger betrunken und verängstigt und wütend auf Ivo gewesen, dann hätte ich bestimmt besser auf den Weg geachtet. Hätte ich dort hinten bei dem hellen Eckhaus schon links abbiegen müssen? Denn wir waren doch auf dem Hinweg an einem Spielplatz mit einem hohen roten Kletterturm vorbeigekommen und dann rechts abgebogen. Hier war aber nirgends ein Spielplatz. Es gab nur graue Wände rechts und links, unterbrochen von Einfahrten. Der einzige Farbfleck war ein kleiner geschnitzter Kürbis in einem Hauseingang. Und ein paar Meter weiter einer, den jemand offenbar als Fußball benutzt hatte. Er lag zerbrochen und zermatscht neben einem Hundehaufen. Die Straßenlaterne darüber flackerte, als könnte sie sich nicht entscheiden, ob sie das da unten wirklich beleuchten wollte. Dünner, weißer Horrorfilmnebel stieg aus den Gullys empor, der die Ampeln zu glühenden Augen und die Straßenschilder zu Zombies machte.
Schon wieder meinte ich, Krähenkrächzen zu hören, doch als ich aufsah, war der Himmel leer. Das Zittern blieb trotzdem. Ich musste hier weg. Nach Hause. So schnell es ging.
Da gab es doch diese Handy-App, die einem den Weg sagen konnte. Benutzt hatte ich sie noch nie, ich hatte ja sonst immer Ivo bei mir. Aber wenn er so eine App hatte, hatte er sie mir mit Sicherheit auch eingespeichert. Ich tastete in meiner Tasche nach meinem Handy. Und meine Augen brannten fast mehr als meine Hand. War das der Alkohol? War es Schmutz in meinem Auge? Oder waren das meine Wuttränen wegen Ivo?
Als ich noch versuchte, mich auf meinem Handybildschirm zurechtzufinden, kam ein Auto von hinten, langsam schob es die Lichtkegel seiner Scheinwerfer vor sich her. Und weil ich vielleicht zu viele Gangsterfilme gesehen oder vielleicht wieder einmal zu viel Angst hatte, steckte ich das Handy schnell wieder weg und bog rasch und so unauffällig wie möglich in die Nebenstraße ab, ehe das Auto mich erreicht hatte. Das Auto, ein schwarzer Kleinbus, zog vorbei und ich blieb im Dunkeln. Unerkannt. Weil es nun auch egal war, ging ich diese Nebenstraße weiter. Wo war denn nur der verflixte Mehringdamm, der mit den Cafés und den hell erleuchteten Schaufenstern, die die Nacht wenigstens fast zum Tag machten? Hier in dieser kleinen Seitenstraße gab es nur das dunkle, mit schwarzem Stoff und Hexenhüten dekorierte Fenster einer Änderungsschneiderei. Auch aus diesem Schaufenster grinste mir ein billig leuchtender Plastikkürbis entgegen. Und oben aus einem Fenster fiel Rockmusik auf mich herunter.
Schritte. Lachen. Tiefes, dunkles, heiseres Männerlachen. Kratziges, nasses Besoffenenlachen. Nicht gut. Niemand da, der mir helfen konnte. Nur abgestellte Autos, große graubunte Schatten, die Schweinwerferaugen trüb und tot im Licht der Straßenlaternen. Dicht an Dicht hintereinander abgestellt wie Spielzeug, das nachts im Regal schläft.
„Hey, Rotkäppchen! Hast du dich verlaufen?“ Fünf Männer mit Bierflaschen in der Hand kamen mir entgegen. Diesmal konnte ich nicht einfach abbiegen. Rechts Häuser, links Häuser, es gab kein Entkommen. In breiter Front wechselten sie die Straßenseite, zu mir herüber. Sie trugen schwarze T-Shirts mit Totenköpfen über den üppigen Bäuchen. Das war in dem Fall vermutlich keine Verkleidung. Ich versuchte, keine Vorurteile zu haben, tat geschäftig und setzte einfach meinen Weg fort. Jeder konnte sich schließlich so kleiden, wie er Lust hatte. Als sie näher kamen, roch ich die Wolke aus Bierdunst, die sie umgab, erst so richtig.
„Rotkäppchen!“, sang einer und schwenkte seine offene Bierflasche. „Rotkäppchen!“
Egal, ob es ein Vorurteil war. Jetzt hatte ich wirklich Angst, richtige, reale Angst und nicht nur diffuse Furcht, weil es dunkel war. Ich rannte. Wollte über die Straße. Dorthin, wo sie nicht waren. Kein Auto unterwegs. Niemand. Nichts. Kein Motorengeräusch. Nur ihre Schritte.
„Wo willst du denn hin? Bleib doch hier!“, sagte der zweite und vertrat mir den Weg.
Ich warf mich herum und fühlte, wie mir der Umhang von den Schultern gerissen wurde. Egal. Den konnte er gerne behalten. Ich lief weiter, wollte dahin zurück, woher ich gekommen war.
„Komm mit uns! Geh mit uns zum Haus der Großmutter und lass dich fressen!“ Der Dritte lachte so, dass er fast vornüber fiel. Meinen Umhang schwang er wie ein Torero den Mantel und stand schon wieder im Weg.
Ich wollte mich rasch an ihnen vorbeischieben. Doch der fünfte hielt mich am Arm fest. „Du willst doch nicht schon gehen, Rotkäppchen?“
„Lassen Sie mich los!“, schrie ich ihn an. Lassen. Sie. Mich. Los. Irgendwann mal in der Schule hatten sie uns beigebracht, man solle genau das tun. Die Angreifer siezen. Sie anschreien. Laut und heftig, damit Passanten einschätzen können, was passiert, und einem zur Hilfe eilen. Na toll! Sie hätten uns in der Schule auch beibringen sollen, was man macht, wenn dem Angreifer das vollkommen egal ist. Und wenn keine Passanten da sind zum Helfen. Keine Autofahrer auf Parkplatzsuche. Geschlossene Fenster in den Häusern rechts uns links. Vorhänge zugezogen. Ich war allein.
„Keine Angst. Du gehörst doch jetzt zu uns“, sagte der dicke Mann. Seine Stimme hörte sich an, als wenn Fettaugen auf den Worten schwammen.
„Wir feiern bei uns zu Hause weiter. Du wirst deinen Spaß haben, mit uns allen!“, sagte der zweite wieder. Seine Stimme, wohl schon lange zerkratzt von zu viel Rauchen.
„Ich will aber nicht! Nimm deine Hände da weg!“, brüllte ich und biss ihn in die Hand. Er zuckte zurück, als hätte ihn eine Mücke gestochen. Ärgerlich, mehr nicht. Ich schlug mit der freien Hand nach ihm und bedauerte, dass ich nicht eine Glasscherbe von der Party mitgenommen hatte. Oder dass es nicht wenigstens meine blutende Hand war, mit der ich ihn ins Gesicht traf. Vielleicht hätte ihn das Blut ein bisschen erschreckt. Ich trat nach ihm. Ich schlug noch mal. Immer mehr Hände griffen nach mir. Ich versuchte, mich loszureißen und gleichzeitig zu treten. Ich versuchte, nicht zu stolpern, und tat es doch. Hart schlug ich auf die Betonplatten. Schmutzig nass war es, Hände, Knie und meine Hüfte brannen und mir war so kalt.
Ich lag auf dem Boden, gefangen wie in einem Käfig aus Beinen und Füßen. Arme und Hände griffen nach mir. Kein Entkommen diesmal. Sie waren so viele.
Und dann war er da.
Plötzlich war er mitten unter ihnen. Der mit dem Kapuzenpullover, der Fremde, der Catwoman von der Party abgeholt hatte. Ich fühlte seine Anwesenheit kribbelnd wie ein Kraftfeld, noch bevor ich ihn sah. Und er hatte einen Elektroschocker. Wieso hat so einer einen Elektroschocker, bitteschön? Denn so etwas musste es sein, so ein Taser, schwarz, länglich denn die Biersäcke jaulten auf und quiekten wie Schweine, als er das vordere Ende gegen meine Angreifer drückte. Der, der mich von rechts hielt, und der, der mich von links hielt, beide bekamen einen Stromschlag verpasst. Der Dritte stolperte weg, konnte sich kaum auf den Beinen halten, war wohl noch betrunkener, als ich dachte.
Ich rappelte mich auf und rannte.
„Hey!“, rief der Fremde.
Erschreckt fuhr ich herum. Er warf mir den Schocker zu. „Hier, fang!“
Ich fing die Waffe auf, ohne drüber nachzudenken, und starrte sie dann an. Die zwei metallenen Nadeln vorne, zwischen denen der Strom fließen würde, schmerzhaft und bissig wie ein gezähmter kleiner Blitz. „Ich?“
„Los, mach schon!“ Er wies mit dem Kopf neben mich.
Tatsächlich, der Betrunkene hatte mich immer noch verfolgt. Schritt für Schritt wankte er auf mich zu wie ein Bär, dem man den Pelz verletzt, den man aber noch lange nicht kampfunfähig gemacht hatte.
Ich holte tief Luft, stellte mich breitbeinig hin und hielt den Schocker mit ausgestreckten Armen vor mich. Drohend. „Stehenbleiben!“, kommandiert ich. Hoffentlich bemerkte er nicht, wie meine Stimme zitterte. Kalt lag das Plastikgehäuse in meiner Hand.
Doch der Betrunkene schien den Taser gar nicht zu bemerken. „Komm her, kleines Rotkäppchen!“, nuschelte er. Kam näher. Noch einen tapsigen Schritt. Noch einen. Und blieb einfach nicht stehen.
Verflucht! Ich konnte doch nicht wirklich einen Menschen mit einer Waffe angreifen. Jedenfalls nicht, solange ich nicht um mein Leben kämpfte. Er hatte mich nicht mal angefasst. Noch nicht. War das schon Notwehr? Durfte ich das? Ab wann durfte man einem Menschen einen schmerzhaften Stromschlag verpassen? „Halt!“, schrie ich noch mal. Doch der Kerl blieb einfach nicht stehen. Hilflos sah ich mich um.
„Mach schon. Du kannst das!“, rief der Schwarzhaarige. Zwinkerte er mir etwa zu? Das war nicht witzig, kein bisschen. Warum half er nicht? Doch er rührte sich nicht und überließ es mir zu handeln.
„Rotkäppchen!“, wehte mir die Schnapsfahne des Betrunkenen entgegen, als er nach mir griff. Na gut. Jetzt hatte er mich angefasst. Ich hatte keine Wahl. Ich machte es genau so, wie ich es bei meinem Retter gesehen hatte. Drückte die Zacken des Schockers wie Fangzähne entschlossen gegen den dicken Bauch des widerlichen Mannes, schloss die Augen und löste den Stromschlag aus. Als ich die Augen im nächsten Moment wieder öffnete, taumelte er rückwärts. Es funktionierte!
Neben mir schnaufte es. Na warte!, dachte ich. Nicht mit mir, Freundchen! Und dann erwischte ich nach kurzer Drehung auch noch den Vierten, der sich ebenfalls angeschlichen hatte. Ihm rammte ich den Taser mit voller Wucht in die Rippen. Er jaulte zwar nicht, doch er fiel vornüber in den Schmutz, als hätte jemand ihn in den Hintern getreten.
Geschafft. Auch wenn es ganz und gar nicht zu mir passte, nachts auf der Straße mit einem Taser herumzufuchteln, und ich das ganz bestimmt nie wieder hinbekommen würde – einmal nicht hilflos zu sein, war ein ziemlich gutes Gefühl. Als hätte ich eben für ein paar Minuten die Chance gehabt, das Leben einer anderen zu führen. Das war sogar fast die Kratzer und die blauen Flecke wert.
Die Elektrogeschockten rappelten sich hastig sich wieder auf. Doch die Lust auf Rotkäppchen war ihnen gründlich vergangen. So schnell es ihnen in ihrem Zustand möglich war, rannten sie stolpernd davon und brüllten dabei Schimpfworte der übelsten Sorte über die Schulter.
Ihre patschenden Schritte auf dem nassen Belag wurden leiser. Der Fremde schob seine Kapuze nach hinten und grinste zufrieden. Ich war wie gebannt. Die Straßenlaterne, die hinter ihm aufragte, tauchte ihn in ihr bleiches Licht. Es war sein Blick, spöttisch, abschätzend und gleichzeitig warm und verheißungsvoll, der mich gefangen hielt. Er hatte wirklich blaue Augen, leuchtend hellblau, zu denen seine tiefschwarzen glatten Haare in seltsamem Kontrast standen. „Danke!“, japste ich und ging mit wackligen Knien auf ihn zu. Als ich ihm näher kam, spürte ich wieder das seltsame Vibrieren in der Luft, das ihn umgab. Auf der Party hatte ich es das erste Mal bemerkt. War es dies Vibrieren gewesen, das alle Gespräche verstummen ließ und alle dazu gebracht hatte, ihn mit ihren Blicken zu verfolgen? Jetzt war es sogar noch stärker und fühlte sich fremd und seltsam an. Eigentlich sah er ziemlich nett aus. Ein wenig fremdartig, als würde er nicht ganz in diese Straßen passen. Oder bildete ich mir das nur ein, weil er so aus dem Nichts erschienen war, um mich zu retten?
Und bestimmt war da auch in Wirklichkeit kein unsichtbares leises Vibrieren in der Luft, die ihn umgab. Das waren nur meine angespannten Nerven und die Nachwirkungen der Angst von eben. Außerdem hatte ich wirklich zu viel getrunken. Trotzdem.
Er zog fragend die Augenbrauen zusammen. „Ist irgendetwas?“
Sollte ich ihm etwa sagen, dass die Luft um ihn herum sich anfühlte, als sei sie magisch aufgeladen? Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ist schon gut. Die Betrunkenen waren so furchtbar. Ich habe mich zu Tode gefürchtet und wusste nicht, wie ich ihnen entkommen sollte. Danke, dass du mir geholfen hast.“ Und schon wieder war ich nur noch ich. Keine Kämpferin mehr. Nichts als Hanna, die von fremden dreckigen ekligen Männern bedroht worden war. Ich schüttelte mich und hätte am liebsten die Erinnerungen der Griffe und Grapscher von meinen Armen, meinem Körper und aus meinen Haaren gewischt.
„Kein Thema. Ich habe dich gesehen und dachte, das Rotkäppchen dort braucht wohl ein bisschen Unterstützung.“ Mit einem verschmitzten Grinsen betrachtete er meine Hand, die immer noch den Elektroschocker hielt.
Über uns öffnete sich ein Fenster. „Was ist denn da unten los?“, rief eine Frauenstimme. Die Stimme eines Fernsehmoderators schwappte mit ihrer zusammen hinaus auf die Straße. Doch ihre war lauter. „Noch so was und ich rufe die Polizei!“
Nicht die Polizei!, betete ich im Stillen. Ich wollte nicht erklären müssen, warum ich so verantwortungslos war, ganz allein nachts in einer fremden Gegend unterwegs zu sein. Meine Eltern wären außer sich. Doch ich sorgte mich umsonst.
„Die Polizei? Die hätten Sie rufen sollen, als die Kerle noch da waren, die Rotkäppchen belästigt haben! Jetzt ist es ein bisschen spät dafür!“, rief mein Retter hinauf.
„Werd nicht frech, ja?“, brüllte die Frau und knallte das Fenster zu.
Ich nahm an, den Stinkefinger, den er ihr zeigte, konnte die Frau in der Dunkelheit so wenig sehen wie ich ihr Gesicht.
„Alles wieder okay?“, fragte mein schwarzhaariger Retter mit einem Cowboylächlen, während er seinen Taser zurücknahm und ihn hinten in den Hosenbund steckte, als wäre es ein Colt.
„Ja, alles in Ordnung. Mir geht es gut, danke noch mal für die Hilfe.“
„Und schon wieder dankst du mir. Dabei sollte ich dir danken. Weißt du, mit hübschen Mädchen gemeinsam Seite an Seite die Schrecken der Nacht besiegen, ist eins meiner heimlichen Hobbys. Da lasse ich keine Gelegenheit aus.“
„Wieso warst du überhaupt auf einmal da?“, fragte ich. Hatte ich sein Auto übersehen? Die Straße war frei und am Bordsteinrand war kein Platz frei gewesen, in den er seinen Wagen hätte quetschen können. Nirgends lag ein Fahrrad und auch kein Motorrad oder Roller war irgendwo unter einem Straßenbaum abgestellt. Was hatte ihn hergebracht. War er gelaufen? So oder so, Schritte oder Motorenlärm, irgendetwas hätte ich doch gehört. Oder nicht? Hatte ich zu viel Angst gehabt, um etwas zu bemerken? „Nun sag schon. Wo bist du so schnell hergekommen?“
Er zog seine Augenbrauen hoch zu einem Märchenonkelgesicht. Dann sagte er: „Hast du das nicht bemerkt? Ich bin natürlich geflogen!“ Er zeigte nach oben. Dorthin, wo der Straßenbaum seine Äste und Zweige ausstreckte, schwarz wie Scherenschnitte gegen den ewig milchig-hellen Nachthimmel der Stadt. Vertraulich zwinkerte mein Retter mir zu. „Aber erzähle es nicht weiter, okay?“
Ich hatte den Kopf in den Nacken gelegt und sah noch immer nach oben. Er war geflogen? Die Bowle machte mein Denken noch immer langsam. Ich versuchte, den Sinn seiner Antwort in seinem Gesicht zu lesen. Einen Atemzug lang starrte ich ihn an, dann, als er lachend den Kopf zurückwarf, hatte ich endlich verstanden. „Halloween, ja klar, heute ist Halloween.“ Beschämt, weil ich nicht gleich verstanden hatte, plapperte ich weiter. „Du warst ja auch auf Patricks Party, wenn auch ziemlich kurz. Da hast du auch jemanden gerettet. Ich war es, die schuld an dem ganzen Chaos war. Nicht mit Absicht, natürlich. Ich hatte zu viel von der grünen Bowle, die es da gab. Und du bist also auch verkleidet? Hilf mir, was sollst du denn sein? Batman?“ Auch wenn ich gedacht hätte, dass er einfach nur einen Kapuzenpulli trug, heute Nacht konnte jeder jemand anders sein. „Herumfliegen und Leute retten würde ja passen. Aber da fehlt dir der Umhang, oder? Und was ist mit den Fledermausohren?“ Ich konnte beim besten Willen kein Kostüm erkennen. Er sah aus wie vorhin auf der Party, nur dass ich jetzt sein Gesicht sehen konnte. Er war kaum älter als ich. Eine schwarze Jacke über dem Kapuzenpullover, die genau so aussah, wie sie die Jungs aus meiner Schule auch trugen. Enge Jeans und schwarze geschnürte Stiefel. Timberlands. Nina und ich hatten mal wochenlang in allen Läden nach solchen Stiefeln für Ivo gesucht, weil er gesagt hatte, dass sie ihm gefielen. Doch als wir sie dann gefunden hatten, hatte er sie sich doch nicht gekauft.
„Nein, ich bin nicht Batman. Und gerettet hast du dich doch eben selber, ich habe nur ein wenig Hilfestellung geleistet.“
„Wer bist du dann?“
„Ach komm, Kostüme sind doch Müll. Wir verstecken uns auch so schon oft genug hinter irgendwelchen Fassaden. Glaub mir, Rotkäppchen, die Menschen sind eh viel zu ängstlich. Keiner traut sich, er selbst zu sein. Ich bin alles das, was ich gerne wäre, und noch viel mehr. Und wer bist du?“
„Gut, wenn du keine Kostüme magst, dann hast du es ja wohl schon erraten. Ich bin gar nicht Rotkäppchen. Ich heiße Hanna.“
„Toller Name. Hanna. So jemanden kenne ich noch nicht.“ Er runzelte die Stirn, als wenn der Name ihn an etwas erinnern würde. „Hanna“, sagte er noch einmal. „So heißt das Mädchen mit den Sternenaugen. Muss ich mir unbedingt merken.“
Sternenaugen. Sonst hieß es immer, meine Augen wären einfach nur grau. Sternenaugen hatte er sie genannt. „Und wie heißt du? Sagst du mir auch deinen Namen?“
„Ach, Hanna, was für einen Sinn hätte das? Der Name allein lässt uns doch nicht wieder zusammentreffen. Aber wenn du mir sagst, wo du wohnst, dann kann ich da vielleicht was machen.“
„Fichtestraße, am Südstern. Bei Lorenz. Also, ich meine, so heiße ich, Hanna Lorenz.“ In meinen Fingern kribbelte es. Ich hätte zu gerne mein Handy herausgeholt und ihn geknipst. Es war sein Gesicht, das mich nicht losließ. Er hatte eins dieser Gesichter, nicht einfach schön, sondern voller Leben wie ein ungezähmtes freies Tier, das man für Werbung von Designerkleidung und Herrenparfüm verwendet.
Wieder kam ein Auto die Straße entlang, wieder ein dunkler Kleinbus, war es der gleiche? Ich hatte beim ersten Zusammentreffen nicht auf die Nummer geachtet. Da hatte ich mich lieber verdrückt. Diesmal, da ich nicht allein war, machte es mir nichts aus, dass das Auto näher kam. Ich wollte stehen bleiben. Doch seltsamerweise schien es meinem Begleiter etwas auszumachen. „Dann mach es gut, Hanna Lorenz. Zeit für mich zu gehen!“
Ich hörte seine Schritte, er lief auf die Fahrbahn und dann genau auf das Auto zu. Ich sah ihm nach, starrte entsetzt in das Scheinwerferlicht, halb blind, weil die Lichter mich blendeten. Was war das denn? Fuhr der dunkle Wagen tatsächlich mit Fernlicht durch die Stadt? Direkt auf einen Fußgänger zu? Ich schrie auf, starrte geblendet in das Licht, und sah doch nichts. Entsetzt wartete ich auf den Unfall, den dumpfen Knall des Aufpralls, doch der kam nicht. Wo war der schwarzhaarige Fremde? Ich blinzelte irritiert. Das Auto fuhr, ohne langsamer zu werden, an mir vorbei. Die Straße war leer, der Fremde weg, ich war allein. Weiter hinten bog das Auto ab, in die einzige Straße, in die der Schwarzgekleidete verschwunden sein konnte. Ich lauschte, ob ich ihn rennen hörte, doch das einzige Geräusch blieb das Wummern der Heavy Metal Musik aus dem Haus neben mir, das die Lautsprecher durch die Fensterritzen presste.
Verfluchter Alkohol.
Ich hätte meinen Retter nicht nach seinem Namen, sondern nach dem Weg zur U-Bahn fragen sollen. Warum fällt mir nie das Einfachste ein?
Inzwischen hatte mit fernem Donner das Feuerwerk begonnen. Die Straße erschien in farbigem Licht wie in wildem, bunten Wetterleuchten, das den Nebel zum Glühen brachte. Eine Kaskade in Gold und Rot fiel vom Himmel. Dann Böllerschüsse. Als der Himmel über mir violett und dann grün wurde, bog ich links ab. Keine gute Idee, das war wieder falsch! Hier sah es kein bisschen bekannter aus als vorher. Ein paar Einfahrten weiter stand eine Gruppe lachender Vampire in schwarzen Umhängen rauchend bei den Mülltonnen vor dem Haus und sah sich ebenfalls den Himmel an. Nein. Ich konnte nach meinem Treffen mit den ekligen betrunkenen Schlägertypen heute einfach niemand Fremdem mehr begegnen. Ich drehte mich auf dem Absatz um, ehe sie mich bemerkten. Ich spürte vor Kälte meine Finger und Zehen kaum mehr und mir war nicht klar, wie lange der Heimweg noch dauern würde. Vielleicht hätte ich doch auf Patricks Party bleiben sollen? Wenigstens hätte mich dort niemand überfallen. Ich legte den Kopf in den Nacken und sah mir an, was ich von dem Feuerwerk zwischen den Hausdächern erkennen konnte. Kracher konnte ich hören, leise von fern. Dazwischen Böllerschüsse, die klangen wie ein Piraten-Seegefecht. Goldene Sterne explodierten am Himmel. Dann ein leuchtend grüner Himmel über den Straßenbäumen. Ein Knall, viel näher diesmal, und noch mehr Grün.
Und dann fiel mir, aus dem Nichts, eine tote Krähe vor die Füße.