Deal mit Dorian?

Eigentlich sollte er ja Dennis heißen. Doch ein kurzes Meinungsbild auf facebook ergab, dass Dorian ein viel besserer Name für die männliche Hauptperson ist. Und das wäre er dann, der Dorian, noch ganz roh und unlektoriert.

Deal mit Dorian

EINS

„Wie viel?“ hörte ich seine Stimme. Dorians Stimme. Ich stand an der Wand im Schatten des Schulgebäudes, und trank Wasser, das ich mir frisch aus dem Wasserhahn in meine Flasche gefüllt hatte. Mit geschlossenen Augen genoss ich die Kühle. Es war dieser Sommer, in dem die Hitze wochenlang zäh wie Sirup über der Stadt klebte. Sie brachte den Asphalt zum Glühen, drang in die steinernen Wände unseres Schulgebäudes ein und nistete dort. Man konnte nicht anders als sie auf der Haut zu spüren, sie mit jedem Atemzug einzuatmen, sie war überall.
Die Hofpause hatte uns alle ins Freie getrieben, raus aus den Klassenräumen, den Gängen, in denen die Hitze noch unerträglicher war. Dorians Stimme tanzte über das Gemurmel, Getuschel, Gelächter der anderen Schüler und Schülerinnen hinweg und verlangte Aufmerksamkeit. „Hey du, Cara, dich meine ich!“, rief er zu mir hinüber. Zu mir? Was war das denn? Natürlich kannte ich Dorian, jeder hier kannte Dorian. Doch wir lebten in unterschiedlichen Welten und an normalen Tagen kam er genau so wenig auf die Idee, mit mir zu sprechen wie ich mit ihm. Was war heute anders? Mein Blick hatte ihn längst gefunden, auch wenn er nicht rothaarig war, so wie ich. Da stand er, Dorian, auf dem kleinen, von tausend Schülertritten kahlen Hügel, der den alten Baum umgab und hatte sich lässig mit der Schulter an den Stamm gelehnt. Wie schaffte er es als einziger, nicht total fertig von der Hitze auszusehen? Mit hatte mein Schluck Wasser nicht geholfen. Die süße Sharon mit den blonden Locken und den Schmollmundlippen stand neben ihm. Nein, sie stand nicht, sie hatte sich an ihn geschmiegt, als sei sie eine Rankpflanze, die sich an ihm emporwinden wollte.
„Du bist doch Cara, oder?“. Sein Kopf wippte ein winziges Bisschen in den Nacken, wie, um die Worte zu mir hinüber zu werfen. Die Haarsträhne, die er dabei normalerweise aus der Stirn geschüttelt hätte, fehlte, seit er aus dem Krankenhaus zurück war. Er sah so fremd aus, als hätten sie einen unbekannten Bruder von ihm zurückgeschickt. Um Dorian herum standen seine Leute. Es war leicht, zu erkennen, wer dazu gehörte. Seit er wieder in der Schule war, trugen sie die gleichen Hosen, die gleichen bis zum Ellenbogen aufgekrempelten, Hemden und sogar fast den gleichen Haarschnitt wie er. Dorian in Blond, in Braun, in schwarzhaarig standen da, wie Variationen von Barbies Ken. Seine mehr oder weniger gelungenen Klone lachten über den Witz, von dem ich offenbar nichts mitbekommen hatte.
Sie starrten mich an. Alle. Ihre Blicke juckten auf meiner Haut. Und nur weil Dorian aus der Menge der Schülerinnen eben gerade mich angesprochen hatte. Warum mich? Welches Spiel trieb er jetzt wieder? Ich schraubte die Wasserflasche zu. „Wie viel was?“, rief ich zurück. Genau so laut wie er. Nicht einschüchtern lassen. Wer eingeschüchtert ist, den zerreißen die Hunde.
„Wie viel willst du für ein Wochenende mit mir?“

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